Die Blumen des Bösen

6. August 2001, 10:40
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Alter Wein in neuen Flaschen: Mit seinem eben erschienenen Album "Scar" schuf der US-Songwriter Joe Henry ein glücksspendendes Meisterwerk

Um zwei biografische Anmerkungen kommt man bei Joe Henry nicht wirklich herum: Beide sind für sein Werk unbedeutend, aber bitte: Henry drückte drei Jahre lang mit dem späteren Massenmörder Jeffrey Dahmer die Schulbank. In Ohio. Und: Er ehelichte die Schwester einer nicht ganz unbekannten Pop-Dame namens Madonna. Nach dieser Schuldigkeit wenden wir uns der Musik des 41-Jährigen zu und erstarren zuerst einmal: Wo, bitte schön, soll man denn bei Scar, dem eben erschienen Album, ansetzen? Und zwar ohne gleich haltlos "Meisterwerk" zu schreien, ein Dutzend davon zu kaufen und all seinen Lieblingsmenschen zu schenken.

Zehn Songs befinden sich auf Scar. Einer davon, Mean Flower, läuft gerade im Hintergrund im Repeat-Modus. Darin erzählt Henry, in teilweise halb verschluckten Silben und mit dieser Verkrampftheit, die sich einstellt, wenn man gegen aufsteigende Tränen ankämpft, wie er auf die Schönheit einer verführerischen Frau hereinfällt. Wie er sehenden Auges in sein Unglück läuft. Offenen Herzens, ready to die. Dazu rollt behäbig ein Piano, die Gitarre spielt zärtliche Licks, während das Schlagzeug den, ähm, "Groove eines Sonnenuntergangs" einfängt. Kitschig? Nein, gar nicht. Eher jener Erhabenheit entsprechend, die entstehen kann, wenn man bereit ist, alles zu riskieren: Haus und Hof, Glück und Leben. Auf Mean Flower folgt das Stück Struck. Wieder umrahmen Marc Ribots Gitarre und ein warmer Bass Henrys Stimme. Der Rhythmus erinnert an traurige Kubaner, und es ertönen Streicher. Nicht irgendwelche, sondern genau die richtigen. Jene Saitenpinsler, die exakt den richtigen Ton an genau die richtige Stelle setzen. Sie sorgen dafür, dass Herzen übergehen und sich beim Hören dieses wortlose "Yesss"-Gefühl einstellt. Mit dieser "emotionellen Perfektion" arbeitet sich Henry auf Scar von einem Höhepunkt zum nächsten.

Mittlerweile ist Struck in Rough And Tumble übergegangen. Hier überraschen Henry und seine Mitspieler mit coolem Bar-Funk voll rauchiger Luft. Intime Stimmung, Männer und Frauen. Geistige Getränke. Der Anfang und das Ende von allem. Ewige Themen erhebt Henry arrangementmäßig in neue Bereiche: Die Eleganz und Eloquenz alter Salonorchester weiß er dabei ebenso zu nutzen wie Ornette Colemans Horn, das das Album bereits in der Eröffnungsnummer in einen vergangenen wie zeitlosen Rahmen platziert. Dort gehört Scar hin. Weit über den ephemeren Bäuerchen, die das Pop-Business sonst so von sich gibt. Zum Schluss muss es also doch noch raus: Scar ist ein Meisterwerk! ( Karl Fluch )

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