Huchen sollst du suchen

3. August 2001, 09:29
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Simmerings bestes Essen findet man in einer historischen Industrieanlage. Aber nicht im Gasometer

Es bedarf nicht besonders kassandrischer Veranlagungen, um absehen zu können, was sich in den Gasometern bezüglich Gastronomie abspielen wird: Filialen internationaler Fastfood-Konzerne, Sushi-Laufbänder, Steak-Häuser, Pizza-Fabriken. Also keine wesentliche Verbesserung der schon bisher eher tristen Restaurant-Situation Simmerings. Die findet seit einem Monat anderswo statt, nämlich im historischen und pittoresk-skurrilen Ensemble der alten Mautner-Markhof-Werke, zwischen schönbrunnergelben Gutshöfen, alten Baumriesen, Brückenwaagen, Pipelines und Silos.

Vor zwei Jahren wurde dort ein riesiges, unterirdisches Areal frei, das zum Veranstaltungsbereich umfunktioniert wurde. Und weil man's für passend hielt, stellte man sommers ein paar Tische vor die Kantine, holte sich einen Koch und ließ ihn ein bisschen Biofleisch kochen. "Mautner's Sommerhof" hieß das dann und zählte zu den zwar ruhigeren, aber dafür umso stimmungsvolleren Open-Air-Fressereien Wiens. Dieses Konzept wurde nun ein wenig ausgearbeitet, nämlich indem erstens die Kantine zu "Mautner's Gasthaus" umgebaut wurde, zweitens das ganze Jahr geöffnet ist und drittens mit Peter Mark ein Koch engagiert wurde, der tatsächlich was am Kasten hat.

Vielleicht war der mangelnde Zuspruch des Publikums für seine Hai-Steaks im ehemaligen "Guess Club" der Grund, aber im "Mautner's Gasthof" komme ihm jedenfalls kein Meeresfisch mehr in die Pfanne, meint Mark, so nach dem Motto: Brassen sollst du schassen, Huchen sollst du suchen. Und finden, denn Mark wird von einem steirischen Fischzüchter mit Süßwasserfischen beliefert, die man eher selten auf Speisekarten antrifft, zum Beispiel Schill, den erwähnten Huchen sowie die feine Felche, Königin der Gräte. Der Saibling tritt wunderbar zart und frisch als "Saiblingsroller" auf hauchdünn geschnittenem Rettich mit Brunnenkresse zutage (öS 130 / EURO 9,44), der Huchen wird pochiert und auf eingelegten Gurken serviert (öS 225 / EURO 16,35), das völlig grätenfreie und butterweiche Felchenfilet klassisch in Butter gebraten und mit Fenchel kombiniert (öS 175 / EURO 12,72). Die frischen Kräuter, die Peter Mark in fast jedem Gericht verarbeitet, kommen aus dem eigenen Garten. Beim gesulzten Beinfleisch der Liebstöckl, beim Kaninchen - Keule, saftiges Filet, köstlich gebratene Leber, eine kräftige Bratensauce, hausgemachte Steinpilztascherln - war es der Estragon (öS 160 / EURO 11,63).

Die Desserts sind übrigens allesamt himmlisch, vor allem das warme Kirschtörtchen, der Marillenstrudel mit Kanarimilch oder der in Veltliner und Vanille pochierte Weinbergpfirsich. Und dazu zirpen die Grillen und brummen die Kühlanlagen der Silos. Wunderbar skurril.

von Florian Holzer

Mautner's Gasthof, Simmeringer Hauptstr. 101, 1110 Wien, Tel.: 01 / 743 57 34, Di-Sa 17-24, So 11-15 Uhr
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