Kultu(h)r

6. August 2001, 13:57
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Mit der runderneuerten Uhrenlinie Othello feiert das Schweizer Familienunternehmen Raymond Weil sein 25-jähriges Jubiläum und manifestiert seine Sympathie für die Bühne

Zu lachen gab es nichts in jenem Jahr 1976. Jedenfalls nicht in der Schweizer Uhrenbranche, deren Konjunkturbarometer vor 25 Jahren auf Sturm zeigte. Und der wehte aus dem Fernen Osten, wo findige Fabrikanten elektronische Multifunktionsuhren zu Dumpingpreisen auf den Markt warfen. Die Schweiz musste schnell reagieren. Kreativität und Flexibilität waren gefragt, Umstrukturierungsmaßnahmen und neue Produkte unabdingbar. Doch das Verlassen eingefahrener Gleise gestaltete sich schwieriger als gedacht.

Diese bittere Erfahrung blieb auch Raymond Weil, Jahrgang 1926, nicht erspart. Der damals 50-jährige Ökonom mit einem Faible für feine Zeitmesser lenkte die Geschicke einer Genfer Uhrenfirma. Als sich dort über Nacht die Besitzverhältnisse änderten, gelangte Sand ins Getriebe. "Mein Konzept passte nicht in die Pläne der neuen Eigentümer", stellt Raymond Weil retrospektiv fest. "Wir konnten 1976 beim besten Willen keine Einigung über die Zukunft im Fokus düsterer Perspektiven erzielen."

In dieser Situation hielt es Raymond Weil mit einer weisen Erkenntnis des Komponisten Franz Liszt. Und die lautet schlicht und einfach: "Man muss mit den Verhältnissen brechen, ehe sie einen gebrochen haben." In diesem Sinne führte an der Auflösung des Vertrags als Generaldirektor und einem Neustart als selbstständiger Unternehmer praktisch kein Weg vorbei. Auch Simone Bédat, Weils rechte Hand, betrachtete ihr Schicksal als Chance. Gemeinsam gründeten sie in Genf die Raymond Weil SA.

Besessen von Uhren

Über den Geschäftszweck gab es keine Diskussion. Raymond Weil heute: "Wir waren besessen von Uhren, wir hatten uns beruflich immer mit Uhren beschäftigt, also wollten wir unser Leben auch weiterhin den Uhren widmen." Und Simone Bédat ergänzt: "Von dem Konzept, welches Weil für den ehemaligen Arbeitgeber entwickelt hatte, waren wir fest überzeugt. Warum sollten wir es nicht in eigener Regie verwirklichen."

Entgegen den Trends setzte Raymond Weil auf modisch-elegante Quarz-Armbanduhren mit Plaqué-Gehäuse und analoger Zeitanzeige. Zudem wollten "wir Uhren, die unseren hohen Qualitätsansprüchen genügten, trotzdem aber preislich auf dem Boden blieben."

Die ersten Raymond-Weil-Kollektionsstücke

Dass die ersten Raymond-Weil-Kollektionsstücke im Wohnzimmer entstanden, kann man heute beim Gang durch die hoch moderne Fabrikationsstätte nicht mehr glauben. Fertigungsautomaten der neuesten Generation spucken unentwegt und gleichermaßen präzise die Gehäuse-und Band-Rohlinge für die verschiedenen Modelle aus. Doch auch diese zukunftsweisende Produktionsform ist bis heute kein Ersatz für die Geschicklichkeit und die untrüglichen Augen qualifizierter Fachkräfte. Jedes Gehäuse, jedes Band wird ausnahmslos von Hand poliert und zusammengefügt. Es wird unerbittlich unter der Lupe oder dem Mikroskop geprüft, bis es den Standards des Hauses entspricht.

Das Potenzial der Fertigungstiefe ist mit dem Gehäuse freilich noch nicht ausgeschöpft. Die Zifferblätter entstehen in einer eigenen Fabrikationsstätte in La Chaux-de-Fonds. Vom Ausstanzen des Rohlings bis zum fertigen Blatt können mehr als 40 Arbeitsschritte nötig sein. Und auch hier herrscht, allem technischen Fortschritt zum Trotz, immer noch die Handarbeit vor. Minuterien, Stundenziffern und Schriftzüge werden wie zu Großvaters Zeiten noch mit Gelatinestempeln aufgebracht. Das kleine Firmensymbol "RW" lässt sich ebenfalls nur von Hand mit dem Blatt vernieten. Auch Schleifarbeiten oder Polituren erfolgen in Handarbeit.

Das wirtschaftliche, geistige und kreative Zentrum befindet sich in Genf. 1990 konnte im Ortsteil Grand-Lancy ein neues, repräsentatives Verwaltungsgebäude bezogen werden. Von hier aus werden die Fäden zu den Produktionsstätten gespannt, erfolgt der Versand von Uhren und Ersatzteilen an die Generalagenten. Sie und die Konzessionäre betrachten Raymond Weil und seinen Schwiegersohn Olivier Bernheim als "Familienmitglieder".

Raymond Weil ist auch nach dem Ausscheiden der Bédats, die 1996 ihr eigenes Label ins Leben riefen, ein reines Familienunternehmen. Vorschläge zur Produktentwicklung und -optimierung greifen Raymond Weil und Olivier Bernheim gerne auf. Zusammen mit namhaften Designern entstehen regelmäßig neue Modelle und Produktlinien, deren Namen die Welt der klassischen Musik widerspiegeln.

Und der Erfolg gibt Raymond Weil Recht. 25 Jahre sind seit der Firmengründung ins Land gegangen. Jahre, die gekennzeichnet waren von harter Arbeit, aber auch kontinuierlicher Aufwärtsbewegung. 1977 gelang es, gerade einmal 3000 Uhren herzustellen und zu verkaufen. 2000 waren es rund 600.000 Exemplare. Sie bescherten dem dynamischen Unternehmen einen Umsatz von ca. 500 Millionen Schweizer Franken (EURO 331,5 Mio.). Und diese stattlichen Zahlen machen Raymond Weil zu einer sehr ernst zu nehmenden Größe in der eidgenössischen Zeitmess-Industrie. Armbanduhren des relativ jungen Globalplayers sind in über 80 Ländern dieser Erde, in den Flugzeugen von etwa 30 Fluggesellschaften sowie in den wichtigsten Duty-Free-Shops erhältlich. Die Preisspanne reicht von öS 4000 bis knapp 100.000 (EURO 290,7 bis 7267,3).

Kultu(h)r

1986, exakt zehn Jahre nach der Firmengründung, wartete Raymond Weil mit der Uhrenlinie "Othello" auf. Diese erlebt nun zum 25. Firmengeburtstag eine Renaissance, nicht nur facegeliftet, sondern komplett erneuert: eine stählerne Synthese aus Rund und Rechteck, hervorgerufen durch zwei Stege, die sich in Fortführung der Bandlinie durch das runde, leicht bombierte Saphirglas erstrecken. Verfügbar ist die neue "Othello" mit Metall- oder Lederband, auf Wunsch sind die beiden Bügel beim Damenmodell mit 48 Diamanten von 0,30 Karat besetzt. Die Wasserdichtigkeit reicht bis 30 Meter. Zeitbewahrende Mechanik ist bei dieser progressiv wirkenden Uhrenlinie momentan kein Thema, die Bewahrung der Zeit erfolgt quarzgenau. So, wie es Raymond Weil schon vor 25 Jahren nach dem Sprung ins kalte Wasser der beruflichen Eigenständigkeit praktizierte. (Gisbert L. Brunner)

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