"FemSensor" bestimmt Brustkrebs-Risiko

3. August 2001, 08:58
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Im Wiener Gen-Chip sind 27 verschiedene Gentests inkludiert

Wien - Wiener WissenschafterInnen sind unter den international ersten vier Teams, die Gen-Chips zur einfachen Bestimmung ganz subtiler Veränderungen des Erbguts entwickelt haben, welche zu Krebs und anderen gesundheitlichen Problemen führen. Mit "FemSensor" und "AndroSensor" (Diagnostikinstrument für Prostatakarzinom-Risiko) haben die ÄrztInnen vom Wiener AKH gemeinsam mit BiochemikerInnen die weltweit ersten derartigen Chips für Gynäkologie und Urologie geschaffen.

"Spontane" Brustkrebserkranungen

Seit Kurzem können sich damit Frauen auf ein mögliches erhöhtes Brustkrebsrisiko, auf die Gefährdung einer Schwangerschaft durch Eklampsie (Krampfanfälle, Anm.) oder für eine individualisierte Hormonersatztherapie untersuchen lassen. Univ.-Prof. Tempfer: "Es geht dabei um die Analyse so genannter Single Nucleotide Polymorphisms - SNPs. Das sind von Mensch zu Mensch verschiedene individuelle Veränderungen in bestimmten Genen. Sie können - zum Beispiel bei Frauen - zu einer erhöhten Brustkrebsgefährdung führen!"

Hier geht es nicht um jene fünf Prozent der Brustkrebserkrankungen, die auf Grund einer ganz spezifischen familiären Belastung entstehen. Das sind Brustkrebs- und/oder Eierstockkarzinome durch die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2.

Hier geht es um die 95 Prozent der Brustkrebserkrankungen, die "spontan" - also ohne eindeutigen genetischen Hintergrund - vorkommen. Tempfer: "Hier sind zum Beispiel unterschiedliche genetische Varianten relevant, die zu einem erhöhten Östrogen-Spiegel im Brustgewebe führen. Östrogene fördern die Entstehung von Tumoren in der Brust. Wer also eine Veranlagung dafür hat, sollte die Östrogen-Belastung möglichst gering halten. Die Einnahme von weiblichen Geschlechtshormonen ist dann schädlich."

Der Gynäkologe weiter: "An sich hätte man diese Untersuchungen auch schon bisher - aber einzeln - mit einem hohen Aufwand von mehreren Tagen und entsprechend viel Geld machen können. Doch die Gen-Chip-Technologie ermöglicht alle notwendigen Gen-Tests in einem Arbeitsgang und mit zwei Stunden Laborarbeit."

Das Prinzip

Auf einer kleinen Siliziumplatte befinden sich zahlreiche mikroskopische Vertiefungen, in denen die Referenz-Gen-Bestandteile als einsträngige DNA 'immobilisiert' sind. Von der Testperson kommt eine Blutprobe. Aus weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) wird die Spender-DNA gewonnen. Sie wird sofort auf der Testplatte des Chips so vermehrt, dass sie für die Untersuchung ausreicht.

Die einsträngigen DNA-Bestandteile von der Spenderin werden schließlich mit dem Erbgut für die einzelnen Gen-Varianten auf der Platte zusammen gebracht und binden an einander, so sie einander ergänzen. Tempfer: "Unter Laserlicht wird dann durch Fluoreszenz erkennbar, welche Gen-Varianten bei der Testperson vorliegen."

Die Gen-Chips sind eine unerhört elegante Lösung. Auf "FemSensor" sind 27 verschiedene Gentests inkludiert. Zehn davon können für die Individualisierung einer Hormonersatztherapie bei Frauen nach der Menopause verwendet werden. Sieben sind für die Bestimmung eines eventuellen Schwangerschaftsrisikos verwendbar. Und schließlich sind da auch noch zehn, um ein eventuell gesteigertes Brustkrebsrisiko bestimmen zu können.

Gegenstrategien

Die Gen-Chip-Untersuchung ist keinesfalls Selbstzweck. Daraus ergeben sich Ratschläge und eventuell auch medizinische Maßnahmen zur Verringerung einer allfälligen Krebsgefahr. Gynäkologe Univ.-Prof. Dr. Clemens Tempfer: "Die Gegenstrategien sind von Person zu Person unterschiedlich. Bei Frauen mit einem erhöhten Östrogenspiegel kann man beispielsweise die Dosierung einer Hormonersatztherapie reduzieren oder auf natürliche Alternativen, etwa Phytoöstrogene (pflanzliche Östrogene, Anm.), zurückgreifen. In manchen Fällen kann man sogar ein Antiöstrogen verschreiben."

Der Experte weiter: "Anderen Frauen wird man zum Beispiel zur Senkung der Hormonspiegel gezielte sportliche Betätigung anraten. Mit mindestens vier Stunden Sport pro Woche über eine entsprechend lange Zeit senkt man nicht nur die Östrogenbelastung, sondern kann auch das Brustkrebsrisiko um bis zu 60 Prozent vermindern. Dies ist für Frauen mit einer ererbten Neigung zur Entwicklung von Brustkrebs eine besonders wichtige Information."

Regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung

Ganz wichtig ist auch die Propagierung von intensiven Früherkennungsmaßnahmen bei potenziell Gefährdeten. Der Gynäkologe: "Brustkrebs ist im Frühstadium zu 90 Prozent und mehr heilbar. Wenn gefährdete Frauen also dazu überredet werden können, öfter zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, kann das enorme Bedeutung haben. Wir suchen derzeit noch sehr unspezifisch nach solchen Krankheiten." Der Gen-Chip bietet die Möglichkeit, diese Früherkennungsmöglichkeiten zu individualisieren.

Tempfer, Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber und die übrigen Betreiber des Projekts haben bereits mehr als 200 Frauen auf ein mögliches Brustkrebsrisiko per Gen-Chip untersucht. "Das sind bisher vor allem Frauen aus Deutschland und der Schweiz", erklärte Tempfer.

Die Untersuchung kostet derzeit rund 3.800 Schilling. Der Gynäkologe der Patientin - bzw. der Urologe - bekommt nichts. Das Honorar geht an das Labor. Dadurch wird ausgeschlossen, dass Ärzte sozusagen als "Betreiber" das System übergebührlich pushen. Huber: "Das ist einfach die 'neue Medizin'."
(APA)

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