Bernhard Görg: Homosexualität ja, Paragraf 209 nein

2. August 2001, 09:22
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Nicht für Abschaffung - sondern für Änderung

Wien - "Ich halte es für eine gestaltende Partei nicht für angemessen, auf ein Erkenntnis des obersten Gerichts zu warten." Das bezieht der Wiener VP-Klubobmann Bernhard Görg nicht bloß auf seine Landesgruppe. Nein, das war eindeutig in Richtung Bundespartei zu verstehen - und dort ist die Haltung der Partei zur Homosexualität und zum Paragraf 209 "höchst umstritten".

Görg hat sich bereits Ende Juni für das "Recht auf Homosexualität" ausgesprochen, zudem sei der "209-er" nicht haltbar: "Wir sprechen aber nicht von Abschaffung, sonden Änderung." Innerparteilich herrsche großer Konsens, dass Homosexuelle nicht vom "Makel der Sünde oder der Krankheit" betroffen seien.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel muss schon "beim nächsten Jour fixe Mitte August", damit rechnen, dass Görg das Thema, neben anderen, aufs Tapet bringt.

Nachfrage des STANDARD: Ist es für eine "gestaltende Partei" angemessen, sich zu diesem Thema gänzlich in Schweigen zu hüllen? Nein, aber es gebe ja eine eindeutige Haltung der Bundespartei: "Wir sehen keine Veranlassung zur Änderung des 209-er." Punktum, den Rest wird doch der Verfassungsgerichtshof erledigen müssen, in dem er den umstrittenen Paragrafen, der das Schutzalter für homosexuelle Kontakte mit jugendlichen Schwulen regelt, wegen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes aufheben wird.

Die Wiener Landespartei hat "nicht ganz freiwillig" die innerparteiliche Vorreiterrolle übernommen. Wegen einer Resolution der Wiener SP und den Grünen an die Bundesversammlung, dass der "209-er" ersatzlos zu streichen und die Gleichstellung aller Lebenspartnerschaften herzustellen sei, nahm die VP-Wien überraschend offen Stellung.

Die Reaktionen innerhalb der Partei haben Exvizebürgermeister Görg nicht überrascht: "Es war uns bewusst, dass wir damit eine Irritation unserer Kernwähler auslösen." Die einen haben getobt, die anderen gelobt: Die Männer haben sich überwiegend negativ geäußert zu dem Vorstoß, die Frauen waren überwiegend positiv - "warum das so ist, kann ich nicht erklären." Reaktionen seitens der Kirche? Görg: "Keine offiziellen. Keine inoffiziellen."

Im Herbst will Görg im Parteivorstand "eine offizielle Haltung" auf Landesebene zu dem Thema absegnen lassen - ohne dass "wir Versuchskanninchen für die Bundespartei" sind. Man weiß ja nie, wie Kernwähler reagieren. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Print-Ausgabe 2.August 2001)

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