Die Karawane mit dem X

2. August 2001, 19:26
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Der Auszug des VolxTheaters Favoriten in die globalisierte Welt

Wien - "Mozartkostüme, Gymnastikbälle, Indianerverkleidung" verzeichnet die interne "Materialliste: Wir brauchen, wer hat?" der VolxTheaterKarawane als Equipment für die jüngste Tour der fahrenden Truppe: staatsgefährdend, weil verspielt? Immerhin werden 17 Mitglieder des Ensembles infolge ihrer theatralischen Interventionen in Genua noch heute in italienischen Gefängnissen festgehalten. Die halbherzigen Reaktionen des österreichischen Außenministeriums scheinen nicht dazu angetan, Italiens Ordnungshüter vom künstlerischen Charakter der Karawanen-Aktion zu überzeugen.

Wenige Sympathien hatte die Regierung schon für Christoph Schlingensiefs Container-Aktion oder Elfriede Jelineks "Lebewohl"-Monolog am Heldenplatz bezeigt, andere Experimente provokativen Theaters im öffentlichen Raum. Wie Jelinek oder Schlingensief hatte das einstige Volxtheater Favoriten infolge der blau-schwarzen Regierungsbildung das Theater im kommunistischen Ernst-Kirchweger-Haus verlassen, um sich neuen theatralischen Formen jenseits des geschlossenen Theaters zuzuwenden.

Begonnen hatte das Volxtheater Favoriten Ende der Achtziger Jahre als Theater-Kollektiv mit dezidiert politischem Anspruch. Allein auf institutioneller Ebene konterkarierte die Gruppe die Funktionsweise der institutionalisierten Theater: als nichthierarchisch organisierte offene Laiengruppe ohne klare Kompetenzverteilung erarbeiteten die Mitglieder gemeinsam Stückbearbeitungen des durchaus klassischen Repertoires. Der Spielplan selbst war dem des Burgtheaters nicht unähnlich: Kleists Penthesilea wurde im Ernst-Kirchweger-Haus erarbeitet, Brechts Dreigroschenoper, Heiner Müllers Der Auftrag.

Die Karawane setzte sich erst im vergangenen Jahr in Bewegung. Als Reaktion auf die blau-schwarze Regierungsbildung besann sich die staats- und regierungskritische Truppe auf die Tradition des klassischen Wandertheaters und seiner unmittelbaren öffentlichen Aktionsmöglichkeiten, auf politische Theaterexperimente wie das "Unsichtbare Theater" des Südamerikaners Augusto Boal. Als aktionistische Performance-Karawane zog sie durch Österreich. Eine erste Reise der VolxTheaterKarawane, wie man sich nun nannte, war die EKH-Tour mit Bussen durch Österreich im Frühjahr 2000. Aktionen in diversen österreichischen Städten, Programm und Musik.

Im Oktober 2000 folgte eine zweite Karawane durch Kärnten. In Kontakt mit Gruppen slowenischer Kärntner umrundeten sie den Wörther See.

Mittlerweile wurde der Aktionsrahmen erweitert. Genaugenommen heißt die VolxTheaterKarawane mittlerweile bereits - englisch! - PublixTheatreCaravane und schloss sich dem europäischen NOBorder-Netzwerk an, einem internationalen Netz anti-rassistischer Aktions-Gruppen. Gesucht wird, so Dramaturgin Gini Müller, die "mediale wie aktionistisch-theatrale Auseinandersetzung" mit "zunehmend populärkulturellen Elementen, wie z.B. der Soundpolitisierung": in jedem Fall aber: Kunst.

Am 26. Juni brach man auf zur "Nobordertour Nr. 5": von Nickelsdorf über Salzburg, Lendava, Kärnten, Genua nach Frankfurt am Main. In Italien, dem Land der Commedia dell'Arte, zeigte man wenig Verständnis für das alternative Theater. Wie einst schon bei Dario Fo.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2001)

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Von
Cornelia Niedermeier

Siehe dazu auch die Kommentare von
Elfriede Jelinek
und
Marlene Streeruwitz


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