Bibel und Bayreuth

2. August 2001, 22:49
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Wie Peter Vujica am Grünen Hügel schwitzte

Die Welt ist ungerecht! Das ist nicht neu, aber wahr. Und ich sage Ihnen, sie ist es von allem Anfang an.

Was kann denn ich dafür, dass Adam eine Flasche war? Wäre ich Adam gewesen, wäre die Schöpfung ganz sicher nicht bis zur Erschaffung der Eva gediehen. Ich habe nämlich einen leisen Schlaf. Da wäre es nicht einmal dem lieben Gott geglückt, an meinen Rippen unbemerkt herumzufummeln.

Und eines kann ich Ihnen schwören: Den bewussten Apfel hätte sie schieben können, wohin sie wollte, nur nicht in meinen Mund. Ich bin nämlich ein ordentlicher Staatsbürger. Was verboten ist, ist verboten. Das gilt natürlich auch im Paradies. Außerdem hasse ich Rohkost. Wollte wohl wieder einmal nicht kochen, das faule Stück.

Also wie auch immer: Mich hätte der liebe Gott ganz sicher nicht aus dem Paradies vertrieben. Aber leider, weil Adam, wie gesagt, eine Flasche war, muss jetzt auch ich mir mein Brot im Schweiße meines Angesichtes verdienen. Was heißt Angesicht? Wär's nur dieses, auf dem der Schweiß steht! Ich kann gar nicht sagen, woher, worüber und wo überallhin er an mir täglich viele Stunden hindurch fließt und flutet.

Dass ich in diesen Tagen nicht der Einzige bin, dem es so ergeht, sollte mich trösten, doch es macht die Sache eigentlich nur schlimmer. Ich befinde mich nämlich in Bayreuth.

Und dort heißt es Schlag vier Uhr marsch hinein ins Festspielhaus. Und dies bei 34 Grad im Schatten. Hätte der liebe Gott an Bayreuth gedacht, hätte er dem ersten Menschenpaar eine andere Strafe auferlegt. Darin bin ich mir ganz sicher.

Er kann es einfach nicht gewollt haben, dass ich auf einem kleinen harten Sesselchen zwischen zwei massiven schmerbäuchigen Herren sitze, die - wie bis auf mich auch alle übrigen - ihr Sakko vom Leib reißen und nun in klitschnassen Hemden neben mir stundenlang herdampfen.

Dass dies nicht ohne olfaktorische Nebeneffekte abgeht, können Sie sich wohl leicht vorstellen. Denn vorher und in den beiden einstündigen Pausen wird nicht nur literweise Bier getrunken, sondern, weil man schließlich auch eine Unterlage braucht, ordentlich getafelt.

Und dann wird während der Akte nicht nur geschwitzt, es wird auch verdaut. So eine gut 30 Zentimeter lange mit Knoblauch geschwängerte fränkische Bratwurst liegt schwer im Magen wie Siegfrieds Amboss.

Da hebt in den Bäuchen dann ein Glucksen und ein Gurgeln an, dem Wagners Musik natürlich mühelos Herr wird. Beklagenswerterweise nur akustisch. Die Düfte in Wagners Gesamtkunstwerk liefert nach wie vor der kollektive Verdauungsapparat des Publikums.

Nicht nur, dass er verdauen muss, er hat außerdem noch Füße, was sich, sofern es sich um weibliche handelt, höchst unangenehm zu Buche schlägt.

Im Unterschied zum germanischen Hammerkopf, mit dem man sich in der Wagner-Stadt immer noch gut sehen lassen kann, gibt es auch die Hammerzehe. Besitzerinnen einer solchen sollten natürlich nur bequemes Schuhwerk tragen. Doch um den Grünen Hügel stakst man dann schmerzgepeinigt doch in spitzen Stöckelschuhen oder kessen Pantöffelchen.

Und wenn dann die Musik anhebt, entledigen sich vor allem Damen, die eine Hammerzehe ziert, eben diskret ihres Schuhwerks, dass mit arhythmischem Gepolter auf den hellhörigen Holzboden kippt.

Vielleicht könnte man künftig nicht nur mit Bildern und Klängen, sondern auch mit Raumspray arbeiten und an fußmalade Damen an den Garderobe weiche Filzpatschen verteilen. Das wäre schon einmal ein guter Ansatz für die viel diskutierte Bayreuther Festspielreform.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2001)

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