Israelische Hinrichtungskampagnen: "Explosiv" - Von Gudrun Harrer

1. August 2001, 19:48
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Wenn es wenigstens irgendetwas nützen würde! Auch dann wären die Hinrichtungskampagnen der israelischen Armee in den Palästinensergebieten zwar noch immer nicht legal, aber die israelische Argumentation von der Rettung eigener Menschenleben durch die extralegale Tötung von - notabene zukünftigen und mutmaßlichen, also nicht verurteilten - Mördern würde noch irgendeinen Sinn machen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Für jeden auf diese Art und Weise umgekommenen angeblichen Terroristen wachsen mindestens drei nach, und das ist eine Binsenweisheit, von der man annehmen muss, dass sie auch der israelischen Führung geläufig ist. Ganz abgesehen von den "bedauerlichen Kollateralschäden" - diesmal zwei Kinder und vier nicht unmittelbar der Hamas zuordenbare Erwachsene.

Aber gesunden Menschenverstand wird man in diesem Konflikt ohnehin vergeblich suchen. Sonst hätte die Analyse der palästinensisch-palästinensischen Zusammenstöße von voriger Woche - die ausbrachen, weil palästinensische Polizei gegen islamistische Aktivisten vorging - gereicht, um einen Strategiewechsel Israels herbeizuführen. Oder ein Blick über den engen Horizont nach Jordanien, wo König Abdullah zunehmend in Bedrängnis kommt und den Volkszorn auf die Israelis nur noch mit strenger Repression im Zaum halten kann. Auch am Mittwoch strömten die Menschen trotz Demonstrationsverbots wieder auf die Straßen, übrigens auch im Libanon.

Man kann sich ausmalen, was ein US-Militärschlag gegen den Irak - ein nicht abwegiges Szenario, nach den Tönen aus dem Weißen Haus zu schließen - in dieser Situation alles auslösen könnte. Hoffentlich hat George W. Bush gute Gründe, sprich ein genaues Projekt, wenn er die Explosion der ganzen Region riskieren will. Für die Menschen auf den arabischen Straßen ist das palästinensische nicht vom irakischen Problem zu trennen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. August 2001)

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