Da darf man sich nicht wundern. - Von Marlene Streeruwitz

2. August 2001, 19:28
posten
Verachtung ist der erste Schritt der Ausschließung. Achtung. Das ist Rücksicht, Wertschätzung, Anerkennung. Achtung. Das muss in Österreich durch aktive Teilnahme an der Gesellschaft verdient werden. Bei uns erwirbt sich Achtung mit Anpassung. Aktive Anpassung muss das sein.

Die österreichische Person muss ihren Willen zur Teilnahme nachweisen. Weil es aber nun nichts Österreichisches gibt. Österreich als Nationalstaat hat es ja nie gegeben.

Die mühseligen Versuche des Austrofaschismus, Beamte in Tracht zu stecken und damit richtige Österreicher aus ihnen zu machen. Das sind ja da nur die herzigeren Beispiele. Weil es also nichts Österreichisches vor 1918 gibt, muss die Geschichte danach stilbildend herhalten. Man und frau kann also das faschistisch-nationalsozialistisch belastete Dirndl anziehen. Trachten. Das wird als Bemühung zur Teilnahme positiv ausgelegt werden. Man und frau in Österreich kann gegen Fremde sein. Gegen Juden. Und das wird als Teilnahme an der Gesellschaft zu Buche schlagen. Also.

Gegen die Osterweiterung wegen der Fremdarbeiter zu sein ist ein Ausdruck von Österreichbewusstsein. Das ist gar nicht gegen Personen gerichtet gemeint. Das ist der oft verzweifelte Versuch, an etwas teilzunehmen, was es gar nicht gibt. Nämlich an einer österreichischen Gesellschaft. Aber. Auch diese Form der Achtung ist, aus der österreichischen Geschichte bezogen, faschistisch-nationalsozialistisch belastet.

Wir sind alle wissentlich und unwissentlich durch das Vorhandensein dieser kurzen österreichischen Geschichte in Sadismus trainiert. Das Geschichtliche an der Verachtung und ihren Folgen ist jedem und jeder bekannt. Allein die Erzählung davon löst sadistische Fantasien aus. Muss sie auslösen.

Wir alle sind der Knabe bei Freud, der der Züchtigung des Klassenkameraden zusehen muss und der sich sein Entkommen dieser Züchtigung mit einer Identifikation mit dem Züchtiger sichert. Wenn also heute gefragt wird, ob endlich ein Schlussstrich unter die Nazizeit gezogen werden kann, so ist die Antwort, ob endlich über die Nazizeit geredet werden kann. Und nicht in einer steten Folge von Wiederholungen in Bildern die Folgen auf die Personen wiederholt und konserviert werden. Aber weil das alles so war und ist, ist Verachtung in dieser Gesellschaft die andere Möglichkeit.

Wer nicht in der Achtung ist, wird ausgeschlossen. Ein unbehelligtes Dasein gibt es in unserer Gesellschaft nicht. Darin liegt schon einmal die eine Hälfte eines Polizeistaats vor. Es gibt nicht die geringste Toleranz für andere Lebensformen. Andere Entscheidungen. Anderes muss aus dieser ererbtgelernten Verachtung heraus verfolgt werden. Vormoderne, ja mittelalterliche Stadtgesellschaft in Kleinfamilienformat ist das.

Illustration:

Touristen fragen einen Polizisten von der Wega auf dem Judenplatz an einem Donnerstag, wer da demonstriere. "Lauter Deppate." ist die Antwort des Polizisten.

Eine Frau, die viel im Widerstand gemacht hat. "Aber. Ein paar Steinderln werden sie schon geschossen haben. Die vom Volxtheater."

Ein Polizist geht am Rand der Donnerstagswandertagsgruppe. "Am Donnerstag kommen nur die Schiachsten z’samm:" sagt er zu einer Kollegin. Beide grinsen.

Die Außenministerin ist sofort mit dem Vergleich mit der Spritzpistole beim Bankraub zur Hand.

Aus solchen, zuerst gar nicht so schlimm klingenden Bemerkungen. - Wir sind hierzulande in der täglichen Beleidigung geübt. Personenwürde, das ist hier noch nicht gesehen worden. - Aus diesen Bemerkungen stellt sich die Verachtung von Personen her. Und daraus die Akzeptanz von Übergriffen. Aus dem Satz "Aber ein paar Steinderln . . ." und dem von der Spritzpistole und dem nie ausgesprochenen "Da darf man sich nicht wundern."

Und alle diese Sätze werden in reizendstem Salonton vorgetragen. Aus diesem Schatzkistchen steter Vorverurteilungen konstruiert sich eine Berechtigung für Verhaftung und Folter. Weil das. Das wird dann wieder nicht so schlimm gewesen sein. In dieser ideologisierten Sprechwelt hat jeder Satz nur zwei Interpretationsmöglichkeiten. Achtung. Oder Verachtung. Wie können in dieser österreichischen Sprechwelt Personenrechte so gesprochen werden, dass sie dann auch wirklich existieren. Dass sie dann anwendbar existieren. Also wirklich?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2001)

Mit Empörung reagierten Österreichs Kulturschaffende auf das auffallend geringe Interesse des Außenministeriums, sich für die Freilassung der inhaftierten Mitglieder der VolxTheaterKarawane einzusetzen.

Zahlreiche offene Briefe erreichten in den vergangenen Tagen die STANDARD-Redaktion.

Ausgewählt und als 'Kommentar der Anderen' veröffentlicht seien zwei Beiträge: Neben dem rechts abgedruckten von Marlene Streeruwitz auch einen von Elfriede Jelinek, betitelt:
"Kicher, grins, neues Perlenketterl"
br>SIEHE AUCH:
Aktuelle Berichte zu den Folgen des G-8-Gipfels von Genua auf einer eigenen Sonderseite
Share if you care.