Links und rechts von Schengen

1. August 2001, 18:44
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Ein burgenländisches Kiesunternehmen probte die Mühen der EU-Erweiterung

Nickelsdorf - Wenn Hans Steinkogler über sein Förderband redet, dann vergisst man schnell, dass es bei der ganzen Geschichte nur um Schotter geht. So symbolisch, so prototypisch klingt es. Denn was Hans Steinkogler da erzählt, ist der Augenzeugenbericht von der erst bevorstehenden Erweiterung der EU.

Hans Steinkogler ist Geschäftsführer der Firma SMB Kies, deren ungarischer Ableger, die Duna Kies, am Ortsrand von Hegyeshalom Schotter abbaut. Die SMB besorgt den Vertrieb in Österreich. Und stand damit vor dem Problem, wie sie den Schotter - ein zollfrei gestelltes Allerweltsprodukt - über die Schegengrenze bringen könne. LKW schieden angesichts des täglichen Staus in Nickelsdorf, der Hauptroute des Ost-West-Transits, aus. Die Bahn aus ähnlichen Gründen. Auf der Hauptstrecke Wien-Budapest wollten die Eisenbahner keine Zeitgarantie übernehmen.

Bilateraler Problemfall

Vor rund zwei Jahren kam Hans Steinkogler dann die Idee: ein Förderband, wie es in jeder Kiesgrube zum Standard gehört. Hier sollte sie die dichte Schengengrenze überwinden. "Ich war natürlich naiv, habe gedacht: Warum soll das nicht gehen?" Der Beamtschenschaft hüben wie drüben fielen tausende Gründe ein, wobei Steinkogler festgehalten wissen will, dass dies nicht offensive Obstruktion gewesen sei. "Es sind die unterschiedlichen Gesetze und Zuständigkeiten." Und so wuchs sich die kleine Anlage mit einer Tageskapazität von rund 2000 Tonnen zu einem bilateralen Problemfall aus, der Juristen und Diplomaten in Wien und Budapest gleichermaßen beschäftigte. Als ein kleiner Vorgeschmack dessen, was die Erweiterung noch an Angleichungsprozeduren parat halten wird.

Seit Mai läuft das Förderband am alten Nickelsdorfer Grenzübergang, an dem immer noch die schweren, fluchthindernden Schranken an die skurrile Vergangenheit erinnern. Die alte B 10 führt unterm Förderband durch. In ihrer Mitte verläuft die Grenze. Und genau auf dieser Mitte steht der Zollcontainer. Der ist keine vier Meter lang, hat aber zwei Türen. Links der imaginären Schengenlinie die österreichische. Rechts davon die ungarische. Übers Knie will die Erweiterung ja auch nicht gebrochen werden. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe 2.8.2001)

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