Briefe, Wurst und Äpfel

1. August 2001, 20:18
posten

Auf dem Land wird das so genannte Post-Partner-Konzept mit Hochdruck weiterverfolgt

Würmla - Elisabeth Kratschmar schneidet Wurst, schlichtet Obst, macht Kaffee und kassiert. Seit 9. Juli hat die quirlige Geschäftsfrau in ihrem neuen "Nah&Frisch"-Supermarkt einen weiteren Job: Sie stempelt Briefe, nimmt Pakete entgegen und einiges mehr. In einer Ecke, gleich beim Eingang, werden in vertrautem gelbem Ambiente die Postdienste von Würmla erledigt.

"Früher war das dort drüben im ersten Stock", zeigt Frau Kratschmar auf die gegenüber liegende Straßenseite zum ehemaligen Postamt. Dieses musste zusperren - zu wenig Kundschaft, zu wenig Umsatz. Der Amtsleiter war ohnehin nur noch als "Springer" tätig und wird nun anderswo eingesetzt. Beide Zusteller agieren seit kurzem vom etwa zehn Kilometer entfernten Neulengbach aus.

Der Supermarkt von Elisabeth Kratschmar ist "Post-Partner", eine Art Post-Agentur, deren Konzept an derzeit drei verschiedenen Orten in Österreich getestet wird. Bis Jahresende sollen noch weitere neun folgen. Die Generaldirektion ist längst überzeugt: "Das Feedback ist bisher ausgezeichnet, sowohl vom Betreiber als auch von den Kunden", bestätigt Projektleiter Andreas Reder.

Fast alles wie die Post

Der "Post-Partner" darf alles, was ein Postamt auch durfte. Fast alles. Elisabeth Kratschmar skizziert ihren Arbeitsbereich: "Brief- und Paketannahme, Einschreiben, Rsa- und Rsb-Briefe, Pakete, Überweisungen, Sendungen per Nachnahmen. Ab 1. 9. dürfen wir dann auch Bareinzahlungen mit Erlagschein entgegennehmen." Aber nicht aufs PSK-Konto, das bleibt bei den Postämtern. Weil für größere Summen die Sicherheitsstandards in Supermärkten zu gering seien und die Computer aufwendig aufgerüstet werden müssten.

Der "Nah&Frisch"-Markt in Würmla ist ein idealer Nachfolger für das Postamt: an der Hauptstraße gelegen, hohe Kundenfrequenz, eigener Parkplatz, vertraute Umgebung - und wesentlich längere Öffnungszeiten: "Wir haben Montag bis Freitag von 7 bis 18 Uhr offen, und am Samstag auch bis 13 Uhr", ist die neue "Post-Partnerin" stolz, "da kann kein Amt mithalten".

Als "Post-Partner" kann sich jeder Gewerbebetrieb vormerken lassen. Vorausgesetzt, das Postamt im Ort schließt und Räumlichkeiten sowie Kundenfrequenz sind ausreichend vorhanden. "Der Vertrag, den die Partner mit uns eingehen, ist dem eines Handelsvertreters ähnlich", erklärt Reder.

Elisabeth Kratschmar erhielt vor Beginn eine zweitägige Einschulung. Dass sie der Zusatzjob als Postlerin nicht reich machen wird, wusste sie schon vorher: "Sonst hätten sie ja das Postamt auch nicht zusperren müssen."(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.8.2001)

STANDARD- Mitarbeiter Andreas Tröscher
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