Gewalt um slowakische Roma

1. August 2001, 18:22
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Patrouillen zum Selbstschutz - Schlägereien wegen Erntediebstählen

Bratislava - In der Slowakei wächst die Furcht vor weiterem Blutvergießen zwischen Roma und Nicht-Roma. Nach drei Gewalttaten am vergangenen Wochenende, bei denen zwei Menschen lebensgefährlich und fünf weitere schwer verletzt wurden, patrouillieren im westslowakischen Dorf Klaciany bei Hlohovec, 70 Kilometer östlich von Bratislava, nun schon freiwillige Wächter. Die Roma-Bewohner fühlen sich von der Polizei nicht vor einem brutalen Schlägertrupp beschützt, dessen neuerlichen Angriff sie fürchten.

Wie erst allmählich bekannt wird, hatte eine Gruppe von etwa 15 mit Baseballschlägern und Messern bewaffneten Maskierten mitten im Dorf vier Roma schwer verletzt. Einer der Attackierten schwebt noch immer zwischen Leben und Tod. Zeugen wollen beim Angriff den Ruf "Zigeuner ins Gas!" gehört und einige Täter erkannt haben. Sie vermuten einen Racheakt für einen von Roma verprügelten "Weißen". Die Polizei schließt dennoch bereits "ein rassistisches Motiv aus" und bestreitet, überhaupt Hinweise auf die Identität der Täter zu haben.

Etwa 60 Kilometer weiter südlich in Nové Zamky kämpft seit Freitag ein weißer Agrargenossenschafter ums Überleben. Der Bauer war von Roma niedergeschlagen worden, die er in einer Obstplantage der Genossenschaft beim Stehlen von Birnen erwischt hatte. Der organisierte Diebstahl von Agrarprodukten, vor allem Kartoffeln, gilt als "typisches" Roma-Delikt und prägt das Negativimage der Minderheit. Nicht nur in Wirtshäusern ist immer öfter vom "Totschlagen der räuberischen Zigeuner" die Rede.

Im nordslowakischen Dorf Vazca konnte die Polizei am Wochenende einen Zusammenstoß von teils bewaffneten Roma und Nicht-Roma nur mit Mühe verhindern. Vorangegangen war eine Fehde, die zwei Schwerverletzte forderte: Weil sie eine junge weiße Frau am Rande eines Dorffestes attackiert und dabei leicht verletzt hatten, waren zwei Roma von vier weißen Männern niedergeschlagen worden. Daraufhin versammelten sich etwa 80 Roma mit Stöcken, Gummischläuchen und Beilen vor dem Kulturhaus, um sich zu rächen. Ihr Eindringen ins Gebäude, in dem sie die Täter vermuteten, konnte die Polizei verhindern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. August 2001)

Von STANDARD-Korrespondent Christoph Thanei
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