Neun Milliarden, nicht mehr

2. August 2001, 14:33
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Bevölkerungsexplosion abgesagt - Osteuropa verliert gar zwei Fünftel seiner Bewohner

Laxenburg/Wien - Die oft angekündigte Bevölkerungsexplosion auf zwölf Milliarden Menschen und mehr findet nicht statt. Die Geburtenraten gehen zurück und werden gegen Ende dieses Jahrhunderts zum Schrumpfen der Menschheit führen. Dies sind zwei Details aus einer neuen Prognose des Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg.

Im Kern kommt die Berechnung zwar noch auf eine Zunahme der Erdenbürger bis nach Mitte dieses Jahrhunderts, aber das Ende ist relativ nah. Für das Jahr 2075 errechnet Studienautor Wolfgang Lutz mit knapp neun Milliarden Menschen das Bevölkerungsmaximum, für 2100 einen Rückgang auf 8,4 Milliarden. Das sind um zwei Milliarden weniger als noch vor fünf Jahren von der IIASA selbst prognostiziert. In Osteuropa und dem europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion geht die Bevölkerung bereits in den nächsten 20 Jahren zurück.

Diese Zahlen widersprechen jüngsten Prognosen der Vereinten Nationen, die für 2050 9,3 Milliarden Menschen erwarten - die IIASA dagegen nur 8,8 Milliarden. Die Diskrepanz liegt nicht zuletzt an der unterschiedlichen Methode. Die IIASA-Studie, die diese Woche auch in"Nature" erscheint, berücksichtigt nicht nur die Entwicklung der (statistischen) Fruchtbarkeit, sondern - in vielen Simulationen mit diversen Annahmen - auch Sterblichkeit und Migration. Inklusive "neuer Wanderungsrouten wie von China nach Sibirien" (Lutz). Daraus resultieren verschiedene Bevölkerungszahlen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Die wahrscheinlichste davon ist der Median, jener Wert, über und unter dem die Hälfte der Simulationen lag.

Immer weniger Kinder - für immer

Auch inhaltlich gehen die Forscher im Laxenburger Think-Tank andere Wege als die UNO. Dort nimmt man an, dass alle Länder auf das so genannte Bestanderhaltungsniveau zusteuern, jene 2,1 überlebenden Kinder pro Frau also, die zum Aufrechterhalten des Bevölkerungsstandes nötig sind. Diese Annahme bedeutet, dass die Kinderzahl in vielen afrikanischen Ländern deutlich sinken, dafür aber in Italien (1,1 Sprösslinge), Österreich und Japan (1,3) wieder steigen wird - jeweils bis zum Erreichen des Bestandsniveaus, das dann gehalten wird. "Kein europäischer Wissenschafter nimmt das an", berichtet Lutz. "Das ist in der Weltgeschichte noch nie passiert. China ist zum Beispiel weiter gesunken und hält bei 1,8 Kindern. Wir meinen, dass langfristig alle Länder unter die 2,1 sinken, daher schrumpfen die Bevölkerungen auch."

Japan, Land der Greise

Den Grund für diese Fertilitätsentwicklung erläutert Lutz mit dem bekannten US-Demographen Ansley Coale, der drei Vorbedingungen für Familienplanung definiert hat: dass weniger Kinder denkmöglich sind, dass eine geringere Kinderzahl (ökonomisch) vorteilhaft ist und dass es akzeptable Methoden der Geburtenregulierung gibt. "Da zeigen sich große Unterschiede in den einzelnen Kulturkreisen", weiß Wolfgang Lutz, "in Japan war Abtreibung das dominierende Instrument, auf Mauritius zum Teil sogar natürliche Methoden der Empfängnisverhütung."

Nebenwirkung der Entwicklung: Der Anteil an Alten steigt weltweit stark an. Machen derzeit die über 60-Jährigen gerade zehn Prozent der Erdenbürger aus, sind es Mitte des Jahrhunderts bereits 22, an seinem Ende satte 34 Prozent - im Weltschnitt. Denn in Ländern wie Japan zählt dann schon die Hälfte der Menschen dazu. "Das wird zu unserem Hauptthema werden", sagt Demograph Lutz voraus.

Gewaltige Schrumpfung in der "Zweiten Welt"

Für die Länder des ehemaligen Ostblocks erwartet die IIASA im Laufe des Jahrhunderts den stärksten Aderlass was die Bevölkerungszahlen angeht. So wird die Bevölkerung im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion von 236 Millionen im Jahr 2000 auf 141 Millionen im Jahr 2100 sinken. Ähnlich nimmt sich Osteuropa aus, ein Rückgang von 121 (2000) auf 74 Millionen (2100) wird vorhergesagt.

In Westeuropa nimmt sich die Abnahme der Bevölkerungszahlen weit weniger dramatisch aus, 2000 gab es 456 Millionen, 2100 werden es 392 Millionen sein, so die IIASA-Studie. Dramatische Zunahmen werden für Afrika, Südamerika und den Mittleren Osten vorhergesagt. In Nord-Afrika wird die Zahl der Menschen von 173 Millionen (2000) auf 333 Millionen (2100), in Afrika südlich der Sahara von 611 Millionen auf 1,5 Milliarden, im mittleren Osten gar von 172 Millionen auf 413 Millionen ansteigen.

Ein Spezialfall ist China, hier gibt es zwar bereits eine relativ niedrige Geburtenrate, allerdings ist der Altersdurchschnitt der Bevölkerung noch sehr niedrig. Daher wird es noch ein kurzes Wachstum geben, von 1,4 Milliarden 2000 auf 1,6 Milliarden 2025, dann erfolgt die Entspannung, für 2050 sind 1,4 Milliarden prognostiziert. Auf unserem Globus werden nach dem prognostizierten gebremsten Anstieg 2025 7,8 Milliarden, 2050 8,8 Milliarden, 2075 neun Milliarden und 2100 8,4 Milliarden Menschen leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2001/APA)

Von Roland Schönbauer

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