Mazedonien-Verhandlungen durch Sprachenstreit blockiert

1. August 2001, 10:28
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Ohrid/Wien - In ihren Friedensgesprächen haben die slawischen und albanischen Konfliktparteien in Mazedonien nach wie vor keinen Kompromiss über den künftigen Status der albanischen Sprache erreicht. Aus beiden Delegationen verlautete in der Nacht auf Mittwoch in Ohrid, die internationalen Vermittler Francois Leotard und James Pardew hätten einen neuen Vorschlag unterbreitet. Ihre ursprüngliche Initiative sah vor, dass Albanisch zweite Amtssprache in den Gebieten werden soll, in denen die Albaner mindestens zwanzig Prozent der Bevölkerung stellen.

Der sich ständig verschärfende Gegensatz zwischen der slawischen Mehrheit (mit einem Bevölkerungsanteil von weniger als 65 Prozent) und der starken albanischen Minorität in dem multiethnischen Staat war schon vor dem Kosovo-Krieg virulent und kam vor allem in der Kulturpolitik zum Ausdruck. Die Albaner wollen als zweites Staatsvolk anerkannt werden, während die Verfassung von 1991 Mazedonien als "Nationalstaat des mazedonischen Volkes" definiert. Für die slawischen Parteien kann es kein "zweites Staatsvolk" geben; die Albaner sind als "Nationalität" eingestuft wie die anderen im Land lebenden ethnischen Gruppen - Serben, Roma, Türken, Aromunen (Wlachen) und Bosniaken.

1991 waren 75 Prozent für Unabhängigkeit

Im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien war auf Betreiben Titos nach Errichtung der Teilrepublik Mazedonien mit Erfolg ein slawo-mazedonischer Nationsbildungsprozess in Gang gesetzt worden. Es wurden aus dem örtlichen Dialekt eine eigene Schriftsprache und eine vom serbischen Patriachat losgelöste autokephale mazedonische orthodoxe Kirche geschaffen. Bei dem im September 1991 abgehaltenen Referendum sprachen sich auch nahezu 75 Prozent für die staatliche Unabhängigkeit aus - ein deutliches Signal nicht nur gegenüber Belgrad, sondern auch gegenüber Sofia und Athen.

In den siebziger Jahren hatten die mazedonischen Albaner, begünstigt durch die Politik Titos, ähnlich wie im damals autonom gewordenen Kosovo eine lebhafte kulturelle Aktivität entfalten können, die in Ansätzen auch nationalistische und separatistische Tendenzen aufwies. Nach Titos Tod kam es während der Zerfallsphase des jugoslawischen Vielvölkerstaates in den achtziger Jahren zu einem massiven Rückschlag, der Albanischunterricht an den Schulen wurde drastisch eingeschränkt.

Kein muttersprachlicher Unterricht auf Hochschulebene

Nach der Unabhängigkeit Mazedoniens und der Aufhebung der Kosovo-Autonomie durch die serbischen Machthaber wurde der Ruf der mazedonischen Albaner nach einer eigenen Universität laut, doch stieß er bei der Regierung in Skopje auf Ablehnung. Die Verfassung garantiert muttersprachlichen Unterricht im Grundschulwesen, aber nicht auf Hochschulebene.

1994 beschloss die albanische Gemeinderatsmehrheit von Tetovo, der zweitgrößten Stadt des Landes, in Abwesenheit der slawischen Ratsmitglieder die Gründung einer albanischen Universität ("Universiteti i Tetoves") mit sieben Fakultäten und 18 Studienrichtungen. Die Professoren wurden aus Pristina und Tirana geholt. Zu den privaten Sponsoren gehörte auch die Soros-Stiftung.

Skopje verweigert Zustimmung

Skopje verweigerte die Zustimmung mit der Begründung, dass die Eröffnung einer Universität ausschließlich in die Kompetenz des Staates falle und es sich in Tetovo um ein "politisches Projekt" handle, welches den albanischen Irredentismus fördere. Der Konflikt spitzte sich zu, der designierte Rektor und mehrere Parlamentsabgeordnete albanischer Volkszugehörigkeit wurden verhaftet, das Universitätsgebäude von der Polizei verwüstet. Der Kosovo-Krieg musste zu einer Radikalisierung führen, der Antagonismus zwischen Albanern und Slawo-Mazedoniern wurde trotz der Präsenz albanischer Parteien in der Koalitionsregierung in Skopje immer stärker. (APA)

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