Biotech-Firma will Erbgut von Menschen mehrere Jahrzehnte lang lagern

1. August 2001, 21:26
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Der Sinn des Verfahrens ist jedoch umstritten

Rheinbach - Eine deutsche Biotech-Firma möchte das Erbgut von Menschen zu medizinischen Zwecken mehrere Jahrzehnte lang lagern. "Wir bieten die kostengünstige, fachgerechte, anonyme Aufbewahrung menschlicher DNA-Proben unter notarieller Aufsicht an", sagte Carsten Müller, Vorstandsvorsitzender der GEN-O-SAFE AG (Rheinbach) bei Bonn, am Dienstag.

Die in solchen Proben enthaltenen Erb- und Alterungsinformationen könnten die Basis sein für eine Vielzahl medizinischer Anwendungen der Zukunft. Es gibt jedoch erhebliche Zweifel am Nutzen dieses Lagerns.

Das Unternehmen möchte aus Zellen der Mundschleimhaut und Haarwurzeln Erbmaterial isolieren und lagern. Im Bedarfsfall solle dieses Erbgut später in Stammzellen von erkranktem Gewebe eingebracht und daraus neues Gewebe gezüchtet werden, erläuterte Müller. Damit könne möglicherweise Gewebe mit jungem Erbgut entstehen. Einen Missbrauch des Materials schließt die Firma aus.

Vorsorgeprinzip

"Es gibt aktuell keine medizinische Anwendung", gestand Müller ein. Nach dem Vorsorgeprinzip könnte aber beispielsweise eine 30- Jährige ihr Erbgut lagern und es verwenden, falls es in zehn bis 15 Jahren einen Nutzen dafür gebe. Insbesondere beim Nachbau von Gewebe aus körpereigenem Material könnten Mediziner dann auf jüngeres Erbmaterial zurückgreifen. Jüngeres und älteres Erbmaterial unterscheidet sich vor allem an den Enden, den Telomeren. Diese Enden werden im Laufe des Lebens kürzer.

Der Sinn des Verfahrens ist jedoch umstritten. "Nach heutigem Stand ist das wenig Erfolg versprechend", kritisierte der Genetiker Stefan Wiemann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Haarwurzelzellen seien sehr stark ausdifferenziert, weite Genbereiche inaktiviert. Ob die vorgeschlagene Methode in Zukunft funktioniere, sei nicht abzusehen.

Nach Angaben der Firma GEN-O-SAFE wird die Aufbewahrung menschlichen Erbguts seit Jahren meist zu Forschungszwecken unternommen. Völlig neu sei der Ansatz, diese Dienstleistung einer breiten Öffentlichkeit zum ausschließlich privaten Gebrauch anzubieten. Die Proben sollen in Fachlabors für mindestens 25 Jahre bei minus 86 Grad Celsius geschützt werden.

Zur Lagerung von Stammzellen selbst existiert bereits eine private Nabelschnur-Blutbank in Leipzig. Später könnten damit vielleicht einmal Multiple Sklerose oder Rheuma geheilt werden, hofft das Unternehmen Vita34. Auch diese Blutblank ist bei Medizinern umstritten. (APA)

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