Klavierbebungen der leisen Töne

1. August 2001, 21:08
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Christian Zacharias im Mozarteum

Salzburg - Jene vier Klavierabende mit den Pianisten Christian Zacharias, Yefim Bronfman (6. 8.), Grigory Sokolov (10. 8.) und Stefan Vladar (23. 8.), die von den Salzburger Festspielen unter dem Motto Sturm und Drang - Klaviermusik der Romantik versprochen wurden und nun eingelöst werden, erfordern manche philologische Akrobatik, damit man die gewählten Stücke auch als Widerhall auf das gestellte Thema beglaubigen kann.

Bei Prokofjews Sonate Nr. 7 (op. 83), wie Bronfman für das kommende Konzert angekündigt hat, wird man sich auf eher emotional-elementare Allgemeinheiten von Bewegtheit und Beweglichkeit konzentrieren müssen, während sich die unruhig-schöpferischen Kräfte um den jungen Goethe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegen die gesellschaftliche Enge einer an Saft und Kraft einbüßenden Aufklärung wendeten.

Delikat und überholt

In den Klavierwerken Schuberts und Liszts haben diese geistigen Bestrebungen sicher Spuren hinterlassen, gereizt auch von den nächtlichen Erwägungen eines Novalis in Überwindung des galanten und empfindsamen Stils, wie er sich etwa Gluck und den Wiener Klassikern als delikat und zugleich als überholt darstellte.

Unter solchen nicht ganz leicht fasslichen Vorbedingungen mochte man Christian Zacharias' Programmfolge mit Schuberts spätem Es-Dur-Klavierstück (D 946,2), mit drei Schubert-Liedtranskriptionen, mit dem Gretchen-Satz aus der Faust-Sinfonie von Liszt und mit Schuberts großer G-Dur-Sonate (D 894) als eine nach innen gewendete Hör- und Ansicht allen Stürmens und Drängens begreifen.

Zumal Zacharias auch nichts unversucht ließ, seine Entdeckungen und Einsichten vor allem in den Bebungen des Leisen in gleichsam herzerweichender Diskretion mitzuteilen. Selten wird man die rahmenden Schubert-Originale so uneigennützig angeschlagen und abgetönt zu hören bekommen, obwohl sich Zacharias sehr frei im agogischen Detail (Menuetto aus D 894!) und angstfrei in den Tempo- und Farbentscheidungen durch die ihm anvertrauten Partituren bewegte.

Für das Publikum war dieser bis auf wenige Momente fast schon gefährlich introvertierte Abend spürbar Ergötzung und Prüfung zugleich. Denn auch die Transkriptionen der Schubert-Lieder Der Wanderer, Der Neugierige und Du bist die Ruh' - das erste in der betont schmucklosen Fassung Liszts, die beiden anderen in Zacharias' eigenen, ebenso unauffälligen Übertragungen - entrierten allem fingertechnischen Blendwerk, wie es etwa in Liszts Solo-Version der Forelle überliefert ist.

Im Verlauf des langen, ebenso herben wie lieblichen Gretchen-Satzes schienen die Werte des Inwendigen in epischer Breite ausdiskutiert, kompromisslos in ihren farblichen und motivischen Verwandlungen ausgetauscht. Eine Scarlatti-Sonate in G-Dur und ein spätherbstliches Albumblatt im Walzertakt von Schubert (D 844) waren die kleine, aber wertvolle Zugabenausbeute einer am Ende doch heftig beifälligen Zuhörerschaft am Ende eines nicht allabendlichen Vortrags.
(Peter Cossé/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 7. 2001)

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