Superlative statt britischem Understatement

1. August 2001, 21:09
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"Das größte Musikfestival der Welt" - Die "BBC Proms" präsentieren sich unbescheiden und im 107. Jahr

Britisches Understatement in Ehren. Doch wenn es um die BBC Proms geht, dann steht den Inselbewohnern der Sinn nicht nach kühler Zurückhaltung. Dann arbeiten zumal die Berichterstatter, aber auch die BBC selbst, vorzugsweise mit Superlativen und sprechen ohne jede falsche Bescheidenheit gleich vom "größten Musikfestival der Welt"

Selbst in einer durchaus kritischen Betrachtung des diesjährigen Eröffnungskonzertes fühlt sich die honorige Times bemüßigt zu betonen: Die Proms sind schlicht und einfach das "beliebteste" Festival, bei dem man die "weltweit größten Orchester und Interpreten" hören könne. Noch dazu, ohne "sich fein kleiden zu müssen". Und von der Witterung bleibe man dank des schützenden Daches der Royal Albert Hall ebenfalls unbeeinträchtigt.

In diesem Haus im vornehmen Stadtteil South Kensington stehen vom Auftakt vor wenigen Tagen, den der neue Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra, Leonard Slatkin, mit britischer und amerikanischer Musik leitete, bis zum 15. September insgesamt 73 Konzerte auf dem Programm. Die thematischen Schwerpunkte im 107. Jahr des Festivals lauten Musik und Pastorale sowie Exil.

Zu der dafür erkorenen Werkauswahl darf es, bei allen Belobigungen, dann doch skeptische Fragen geben. Sind Schönberg, Rachmaninov, Martinu, Bartók und Strawinsky tatsächlich die einzigen Exilanten, hätte es nicht gelohnt, weniger bekannte, aber infolge von Faschismus und dem Umbruch im Osten ebenfalls zum Verlassen ihrer Heimat gezwungene Komponisten vorzustellen?

Die Debatte geht an die Wurzeln des Selbstverständnisses der Proms, deren Initiator, der Impresario Robert Newman, 1895 mit der Idee antrat, einen umfassenden Überblick über Klassik und Moderne zu bieten, jährlich eigens in Auftrag gegebene Werke zur Erstaufführung zu bringen und mit einer gut verträglichen Mischung aus leichter und anspruchsvoller Kost ein musikalisch gebildetes Publikum heranzuziehen. Angesichts der seither gewaltig angewachsenen Werkfülle kann da jeder Lücken und Unterlassungen bemängeln.

Recht viele Gäste

Dem Bekenntnis zu den Proms tut das keinen Abbruch. Der 100. Todestag von Giuseppe Verdi wird heuer ebenso begangen wie der 100. Geburtstag von Gerald Finzi und Edmund Rubbra. Zu den Gastorchestern zählen u. a. das Boston Symphony unter Bernard Haitink und das Chicago Symphony unter Daniel Barenboim. Alle Konzerte werden im Internet und auf Radio 3 übertragen. Und auch die Poetry Proms in der Serpentine Gallery gleich nördlich der Royal Albert Hall in Kensington Gardens finden wieder statt.

Wer sich mit dem bloßen Besuch der Konzerte nicht zufrieden geben will, der kann künftig am King's College der Universität London auch einen Magister in Prom-Studien erwerben. "Das mag sexy klingen, ist aber harte Arbeit", versicherte Professor John Deathridge jüngst in einem Interview. Wichtiges Studienthema ist dabei jedenfalls The Last Night of the Proms, das jährliche Abschlusskonzert, das ohne das Schwingen des Union Jack und das Absingen bis Gröhlen von Rule Britannia nicht abgehen darf. 6,3 Millionen Briten verfolgten die Veranstaltung im Vorjahr im BBC1-Fernsehen, rund eine weitere Million in Radio 3, und BBC World trug sie in die Welt hinaus. Die Proms gereichen einfach, um nochmals die Times zu zitieren, "zum Ruhme Englands". Lediglich Englands, nicht ganz Britanniens, ungeachtet der Schlusshymnen? Diese Frage müssen die Briten selbst in Auseinandersetzung mit dem konservativen Blatt klären.
(STANDARD-Korrespondentin Brigitte Voykowitsch aus London/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 7. 2001)

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