Afghanische Wunden

6. August 2001, 12:05
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Der Tiroler Chirurg Christian Schimanek arbeitete für "Ärzte ohne Grenzen" im Norden Afghanistans - einer Region, die nicht von den fundamentalistischen Taliban kontrolliert wird.

Diagnostisches Grundwerkzeug für einen Orthopäden sind Röntgenbilder. Es gibt hier in Faisabad eine 35 Jahre alte Röntgenmaschine sowjetischer Machart, die Bilder erzeugen kann. Meist ist der Kontrast dieser Bilder jedoch nicht viel besser als der eines Schneehasen in weißer Winterlandschaft. Es ist daher oft nicht festzustel-len, ob ein Knochen einen Sprung hat, eine Lunge eine Infektion aufweist, oder ein Gelenk Abnützungserscheinungen zeigt. Und von den verheerenden hygienischen Verhältnissen habe ich bereits vorigen Montag erzählt.

Zurzeit hat sich herumgesprochen, dass der weiße "Wunderdoktor" aus dem goldenen Westen gekommen sei, und die Patienten kommen scharenweise ins Spital. Ich werde in die Notaufnahme gerufen. Dort sitzt ein achtjähriges Kind mit einer Schusswunde im Mund.

Irgendwie scheint es zwischen die Fronten gekommen zu sein, während eines Schusswechsels zwischen rivalisierenden Familien. Es fehlt ein ganzes Stück vom Mundboden und Unterkiefer. Nach geglückter Notoperation kann der Patient nach drei Tagen wieder flüssige Nahrung zu sich nehmen.

Der 30-jährige Ismael ist Bauer; beim Pflügen seines Feldes hat er eine alte vergrabene Landmine zur Explosion gebracht. Aus einer großen Wunde im Hals atmet es ein und aus.

Ich bin gerade anderweitig beschäftigt, die aufnehmende Ärztin beteuert, sie werde sich um den Patienten küm-mern. Ich vertraue der Sache nicht ganz und besuche einige Minuten später den Operationssaal, wo der Patient schon am Tisch liegen sollte.

Dort liegt er auch, nur von Ärztin oder Schwestern und Pflegern ist weit und breit keine Spur. Der Patient röchelt einsam. Wütend trommle ich die Operations-mannschaft zusammen: Sie waren Tee trinken.

In Afghanistan liegen immer noch Millionen Landminen an unbekannten Stellen vergraben und verschüttet, täglich fallen Menschen den Minen zum Opfer. Trotzdem lasse ich mir das Joggen nicht nehmen. Ich keuche eine staubige Straße hinauf, an deren Ende eine Fliegerabwehrkanone samt Kalaschnikow tragender Mannschaft steht. Ich werde unsicher und langsamer.

Doch freundlich rufen sie mir zu, ich solle näher kommen. Nach wildem Gestikulieren wird mir klar: Sie wollen ein Foto von mir haben. Ich beteuere erleichtert, dass ich das nächste Mal den Fotoapparat mitnehmen werde. Fortsetzung der Serie am nächsten Montag. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. August 2001)

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