Polen: Das Wasser steigt - auch für die Regierung

1. August 2001, 21:44
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Vorwurf falscher Vorsorge und mangelnder Solidarität

Warschau - Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit kommt es nicht alle zehn Jahre zu einer „Jahrhundertflut“. Das hatte man auch in Polen geglaubt. Ein Fehler. Denn nur vier Jahre nach dem verheerenden Oder-Hochwasser ist Polen schon wieder überschwemmt, diesmal entlang der Weichsel. Was ist schief gelaufen? Hat es einfach nur zu viel geregnet? Oder hätte die Katastrophe verhindert werden können? Ist gar die Regierung schuld?

Seit der Flutkatastrophe von 1997 hat die polnische Regierung 6,5 Milliarden Zloty (rund 24,1 Mrd. S/ 1,75 Mrd )für die Beseitigung der Schäden ausgegeben, nur rund eine Milliarde Zloty hingegenfür den Bau neuer Deiche und Wasserrückhaltebecken. Vorrang vor dem Katastrophenschutz hatte die Schadensregulierung. Da weder Fachleute noch Politiker mit einer raschen Wiederholung eines Hochwassers gerechnet hatten, wurden die Investitionen über einen Zeitraum von 25 Jahren gestreckt. Obwohl die Gemeinden und Kreise der hochwassergefährdeten Regionen immer wieder in Warschau um eine möglichst zügige Modernisierung der Deiche gebeten hatten, blieb die Regierung hart.

Das Wort „Jahrhunderthochwasser“ tat seine Wirkung. Schließlich, so das Argument, könne die Regierung nicht in vier Jahren das aufholen, was über Jahrzehnte vernachlässigt wurde.

Das Geld floss daher zäh und noch dazu nur in eine Richtung - an die Oder. Denn dort durfte es auf keinen Fall noch einmal zu einer größeren Katastrophe kommen. Schlesien ist hochindustrialisiert. Der Schaden, der dort durchein weiteres Hochwasser entstünde, wäre wesentlich höher als durch eine Flut an der Weichsel. Und tatsächlich sind beim diesjährigen Weichselhochwasser vor allem Dörfer und einzeln stehende Bauernhöfe betroffen.

Rückstandiges Land

Der Schaden beläuft sichnach bisherigen Schätzungen auf rund drei Milliarden Zloty. Das ist ein Viertel der Schadenssumme von 1997. Ein „Erfolg“ der Regierungspolitik ist das dennoch nicht. Auch die bessere Koordination der Katastrophendienste und der Hilfsleistungen lässt kein Gefühl der Zufriedenheit aufkommen. Denn die Katastrophe macht erschreckend deutlich, wie primitiv es auf dem polnischen Land aussieht: keine Kanalisation, keine Wasserleitungen, oft nurein einziges Telefon im Ort beim Bürgermeister.

Auf dem Land hat sich seit der Wende im Jahre 1989 nichts geändert. Dass diese Bauernhöfe nur sechs Prozent des Bruttosozialproduktes Polens erwirtschaften, kann niemanden wundern. Dabei leben rund 24 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Die Bilder im Fernsehen zeigen nun jedem in Polen,wie sehr auch die Solidarnosc-Regierung die Landregionen vernachlässigt hat. Die Gelder für die großen Investitionen gingen fast ausschließlich in die städtischen Ballungsgebiete, so wie das unter den Sozialisten auch schon war. Und da die Reichen bei einem Hochwasser mehr zu verlieren haben als die Armen, gingen die Gelder für die Hochwasserschutz wieder fast ausschließlich ins Odergebiet nach Westpolen.

Die Regierung sieht sich nun nicht der Kritik gegen über, die Investitionen für „das nächste Jahrhunderthochwasser“ zu langfristig geplant zu haben. Politischschwerwiegender ist der Vor wurf, dass diese Regierung,die doch das Wort „Solidarität“ im Namen führt, genau diese den Armen Polens gegenüber verweigerte. Das ist angesichts der Haushaltsprobleme der Regierung zwar zu verstehen, aber eben doch eine bittere Erkenntnis. (Gabriele Lesser, DER STANDARD Print-Ausgabe 1.August 2001)

INFOGRAFIK:

Hochwasser- katastrophe in Polen
Caritas Spendenkonto PSK 7.700.004
Kennwort "Polen"

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