Das kurzsichtige Riesenbaby

2. August 2001, 11:01
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"... almost legal": Der weltumfassende Musiksender MTV feierte seinen 20er

"... almost legal": Die Vollzugsmeldung zum Kommentar

New York - Mit einem Großaufmarsch an Stars und dem Motto "Live and almost legal" (Lebendig und fast volljährig) hat der Musiksender MTV in der Nacht zum 2. August im Hammerstein Ballroom in New York sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert.

Es gab eine Kette von Live-Auftritten, unter ihnen Jane's Addiction, TLC, Method Man, Mary J. Blige, SUM-41, RUN-DMC, Busta Rhymes und The Neptunes. In Interviews bedankten sich Musiker dafür, dass MTV ihre Karriere gefördert habe. Selbst Prä-MTV-Alt-Stars wie Tony Bennet erwiesen dem Sender ihre Referenz. Zu den Gratulanten des weltweit erfolgreichsten Musik- Fernsehsender gehörten auch "Video-Jockeys" der ersten Stunde, unter ihnen Martha Quinn, JJ Jackson und Alan Hunter. (APA)

Wenn MTV am Mittwoch, an seinem zwanzigsten Geburtstag, die Schwelle vom Teenager zum "Erwachsenen" überschreitet, hat es bereits einiges erlebt. Früh verlor Music Television seine Unschuld – wenn dieser Terminus bei einem kommerziell orientierten Unternehmen überhaupt zumutbar ist. Schnell wuchs es zu einem Riesenbaby.

Es lernte nie wirklich lesen oder längere Sätze einigermaßen fehlerfrei zu sprechen. Der (verschwundene) Moderator Ray Cokes sei hier als rühmliche Ausnahme erwähnt!

MTV besitzt kein Langzeitgedächtnis. Es zehrt fast ausschließlich von der Gegenwart. Für den Blick in die Zukunft ist es zu kurzsichtig. Dafür findet es sich selbst unheimlich cool. Kurz: MTV ist ein ziemlich hässliches, dummes Kind. Das hätte nicht so kommen müssen. MTV hatte durchaus seine Momente.

Mit der vor 20 Jahren zeitgemäßen Kampfansage "Video killed the Radiostar", – das erste ausgestrahlte Video des Senders –, erweiterte es Popmusik um die Dimension des laufenden Bildes. Musikvideos etablierten sich schnell als neue Kunstform. Es entstanden neue Ästhetiken, und Videoclips veränderten die Wahrnehmung von Pop überhaupt: schneller, größer, lauter! Damit trug MTV maßgeblich dazu bei, dass das Popbusiness heute eine so gigantische Dimension besitzt.

Große Verdienste fuhr es mit Sendungen wie Alternative Nation ein. Es stilisierte mit den beiden gezeichneten "Pop-Philosophen" Beavis and Butthead selbstironisch das eigene Publikum zu Stars und schuf mit der Konzertserie MTV-Unplugged quasi ein eigenes Genre.

Doch das aus Amerika kommende Musikfernsehen, das mit seiner englischen Sprache sein meist jugendliches Zielpublikum weltumfassend gleichsetzte, verlor hierzulande mit der Einführung von MTV Deutschland Stück für Stück an Qualität.

Volkstümelei

Spätestens als MTV sich auf das Niveau des deutschsprachigen Konkurrenten Viva begab – die Quote! –, beging es Verrat an der eigenen Sache: Anstatt aus einem immer unübersehbareren Musik-Output die Rolle eines intelligenten Vorselektierers und verlässlichen Informanten zu spielen, biederte sich MTV dem seichten Geschmack des Viva-Publikums an, führte Deutsch als "Amtssprache" des Pop ein. Was für ein Hohn!

Die damit einsetzende Volkstümelei öffnete Tür und Tor für Formate, die die Worte "Qualität" oder "Journalismus" nicht einmal buchstabieren konnten.

Dass frühere Clearasil-Gesichter dieser noch immer dauernden "Ära" heute als quotenträchtige "Stars" in diversen Boulevardformaten des deutschen Privatfernsehens ihre Brötchen verdienen, darf man als logische Konsequenz dieser Verdummung betrachten.

Soll man dem 20-Jährigen also gratulieren? Nicht notwendig. Er besorgte es gleich selbst und berichtete mit Rückblicken 24 Stunden live aus dem New Yorker Hammerstein Ballroom, wo Stars wie Run DMC oder Aerosmith auftraten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 8. 2001, aktualisiert)

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