Die Erben der Tante Ju

3. August 2001, 12:29
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Die Oldtimer der Lufthansa fliegen wieder. Im September kommt das Flaggschiff der historischen Flotte, die Ju 52, auch nach Österreich. Vorab ein Testflug über die Mecklenburgische Seenplatte

Die Passagiere lassen sich auf lederbezogenen Sitzen in Beige, jeder Platz mit Aussicht, nieder. Etwas kühl ist es noch an diesem Morgen am Feldflughafen im Mecklenburgischen Rechlin, die Ju 52 hat keine Heizung. Im Cockpit quietscht etwas. "Das ist die Pumpe für den Anlass-Sprit", kommentiert Flugbegleiter Werner Jendrzok gelassen das rhythmische Geräusch. "Sie wird von Hand betätigt, da man die Batterie beim Anlassen noch nicht so sehr belasten möchte."

Jendrzok kennt das Flugzeug. Früher, als er noch hauptberuflich als Lufthansa-Kapitän moderne Maschinen pilotierte, flog er die Ju 52 ehrenamtlich, gewissermaßen als Kontrastprogramm. Seit seinem Ruhestand als Pilot ist er Flugbegleiter in der Ju 52. Heute betreut er die Passagiere, eine kleine Gruppe Journalisten, beim Trainingsflug vor Saisonbeginn für Piloten und technisches Personal.

1984 erwarb die Deutsche Lufthansa AG dieses Fluggerät mit dem markanten Wellblechrumpf und dreimotorigen Antrieb von einem Amerikaner - zur Belebung der Traditionsluftfahrt. Weltweit fliegen heute noch acht Maschinen dieser Bauart. Vor 15 Jahren startete dann die Lufthansa-Ju 52, Baujahr 1936, nach kompletter Überholung das erste Mal wieder. Weitere Oldtimer wurden flottgemacht: eine Messerschmitt Me 108, eine Arado Ar 79 und eine Dornier Do 27. Die zu diesem Zweck gegründete Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung will "die Faszination des Fliegens in den Gründerjahren der Luftfahrt" wieder erlebbar machen. Die alten Flieger sind gefragt - ob zum Geburtstag, für ein Betriebsjubiläum oder einfach zur Verwirklichung eines Jugendtraums. In diesem Jahr dreht die Ju 52 wieder 400 Flugstunden lang ihre Runden am Himmel - in Deutschland und im September auch in Österreich.

Der Boden unter den Füßen vibriert - die Generatoren der beiden Außentriebwerke werden zugeschaltet, erklärt Werner Jendrzok. So könne der Mittelmotor über die elektrische Pumpe angelassen werden. Das geschieht vor allem lautstark. Gemächlich holpert die Ju 52 über die Rollbahn. Der Flugbegleiter gibt Informationen für den Ernstfall, der Gast vorn rechts erhält Instruktionen zur Betätigung der Tür. Gurte klicken. Die Toilette ist nur für äußerste Notfälle gedacht.

Anfang der 30er-Jahre stellten die Konstrukteure in den Dessauer Junkerswerken den Flugzeugtyp für die zivile Luftfahrt, der schließlich zur "Tante Ju" wurde, erstmals vor, kurz darauf flogen zwölf Maschinen. 1933 enteigneten die Nazis den Firmengründer Hugo Junkers, der nach dem Ersten Weltkrieg ausschließlich für die Zivilluftfahrt produziert hatte, und bauten in den Junkers-Werken in Dessau Flugzeuge für den Zweiten Weltkrieg, die vorher noch im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Republikaner eingesetzt wurden.

Bis zum Jahre 1952 wurden rund 5000 Ju 52 gebaut - das erste Großserien-Flugzeug der Welt. Die Ju, die sich jetzt über die Mecklenburgische Seenplatte erhebt, flog nur wenige Monate für die Lufthansa, ging dann nach Norwegen, nach dem Krieg über den Atlantik bis Südamerika, wo sie ein US-Militärflieger Anfang der 60er-Jahre halb verrottet entdeckte.

Im Nu ist die Reisehöhe von 300 Meter erreicht, darunter liegen feuchte Wiesen und ausgedehnte Wasserflächen. Dank der gemütlichen Reisegeschwindigkeit ist genug Zeit für Luftaufnahmen. "Alle Ruder werden über Seilzüge angesteuert", erläutert Werner Jendrzok, "für die Ju braucht man Muskelkraft. Selbst ein Jumbo mit seinen 400 Tonnen ist leichter zu fliegen." Hydraulik gibt es nicht. Bis auf die Bremsen, die wurden aus Sicherheitsgründen nachgerüstet. Und ein modernes Navigationssystem wurde eingebaut, sonst hätte die Maschine keine Zulassung bekommen.

Nach dem kurzen Rundflug setzt die Ju 52 wieder in Rechlin auf - sanft. Am Rollfeld parken ein paar Sportmaschinen und die Dornier Do 27 der Lufthansa. Der Flugkapitän verabschiedet sich und rät noch rasch: "Beim Aussteigen bitte auf den Kopf achten, die Tür ist nicht sehr hoch, da gab es schon einige Beulen." Regine Halentz

Infos: Zwischen 17. und 29. 9. startet die Ju 52 von verschiedenen Flughäfen in Österreich zu Rund- und Streckenflügen. Die genauen Termine und Buchung bei Lufthansa Österreich, Wien Tel. 01/599 11/223, Frau Tschech,
www.lufthansa.at.
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