Wenn nur noch Gewalt hilft

25. Juni 2002, 21:07
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Drei Preview-Perlen: "Requiem for a Dream", "Dead Or Alive", "Girlfight"

Alljährlich verkürzen uns Programmkinos mit Sommer- Previews das lange Warten auf kommende herbstliche Filmnovitäten: Ein Ausblick auf drei eigenwillige filmische Neuzugänge.


Aus einem Albtraum kann man zumindest schweißgebadet hochfahren. Requiem for a Dream, nach Pi der zweite Spielfilm des US-Regisseurs Darren Aronofsky, versucht diesen Notausgang mit aller Macht zu verriegeln. Dabei scheint der Beginn nicht viel mehr als eine entgleiste Mutter-Sohn-Beziehung zu behandeln, wenn sie im Split-Screen einen Kampf um die Vormacht über den häuslichen Strom ausfechten.

Doch die Szene ist nur die Ouvertüre zu zwei parallel verlaufenden Szenarien der sukzessiven Selbstzerstörung durch eine nicht zu bändigende Sucht. Während die Mutter (Ellen Burstyn) durch die Aussicht, in einer inhaltslosen TV-Show aufzutreten, in eine obsessive Abmagerungskur getrieben wird, die sie, von Halluzinationen heimgesucht, Schritt für Schritt in den Wahnsinn treibt, unterwerfen sich der Sohn (Jared Leto) und seine Freundin (Jennifer Connelly) allen Strapazen, nur um die nächste Dosis Heroin zu beschaffen.

Optisches Delirium

Einer Moritat des US-Romanciers Hubert Selby jr. folgend, hat Requiem for a Dream nicht mehr als diesen Rahmen eines Plots: Der Rest ist eine rhythmische Montage hochgezüchteter optischer Irritationen und inszenatorischer Verfremdungen, die das Delirium im Stile eines Videoclips zu simulieren - und auch zu bändigen versuchen.

Das war freilich schon immer ein äußerst heikles Unterfangen von Filmen über Drogenmissbrauch, und auch Aronofskys Strategie, die - mitunter zwar beeindruckenden - Szenen des exzessiven Verfalls mit der Dauer des Films immer mehr ins Bodenlose zu steigern, entgeht der Gefahr der Monotonie nicht ganz, zu unstrukturiert ist dieser Bilderstrudel, zu kokett wohl auch, aber dabei immer noch von kontroversiellem Reiz.

Der von Rockmusik angeheizte Beginn von Takashi Miikes Dead Or Alive sieht hingegen aus wie das Best-of-Medley aller Tötungs- und Abarten fernöstlicher Gangsterthriller: Ein Mann schnupft sich das Kokain in die Nase, das für eine ganze Mannschaft reichen würde, dann tanzen Go-go-Girls gegen das Scheinwerferlicht an; ein Typ wird, über dem Pissoir lehnend, vergewaltigt, bis dem Gewalttäter die Hauptschlagader durchgestochen wird und alles in Blut versinkt.

Doch die Elaboration täuscht, vorerst noch. Es folgt nämlich ein vergleichsweise realistischer, dramatisch lose gestrickter Film über Menschen am Rande zur Agonie, über einen Cop und ein paar Gangster, die mit für sie typischen Aufgaben befasst sind.

Miike, unlängst mit dem Psychodrama Audition in heimischen Kinos, zeigt auch in Dead or Alive keinen Respekt für genreübliche Gangarten: Hier modelliert er aus einer ursprünglich recht konventionellen Story sperrige Charakter heraus, die in Ruhepausen über ihre Existenzweisen raunen; überdies wird bei ihm die ansonsten so homogene japanische Gesellschaft von verschiedenen Ethnien aufgebrochen, die gewaltvoll Besitzanspruch auf fremdes Terrain anmelden.

Lange hält Miike den Film derart in der Schwebe, bis man zuletzt plötzlich hochschreckt und mit einem Showdown konfrontiert wird, der in grotesker Überzeichnung demonstriert, dass Sterben eine sehr, sehr langwierige Angelegenheit sein kann.

Zornige Boxerinnen

Die Heldin betritt die Leinwand mit geballten Fäusten in den Taschen. Den Kopf nach unten, die Lider gesenkt, bis sich langsam der Blick hebt und einen ein Mädchen (Michelle Rodriguez) unverwandt zornig anstarrt.

Eine Pose, wie sie sonst eher den angry young men des Kinos vorbehalten bleibt. Der Blick und die Fäuste kommen hier vor den Dialogen. Weil das, was über die eigene Befindlichkeit gesagt werden kann, die Wucht und die Knappheit von Schlägen hat. Nach den mürrischen Mädchen - wie sie etwa Christina Ricci verkörperte - kommt hier nun eines, das richtig wütend ist und gar nicht sagen kann, warum, weil es so viele Gründe dafür gibt.

Der erste Girlfight findet auf der Mädchentoilette statt, beginnt mit heftigen Beschimpfungen, mündet in eine handgreifliche Auseinandersetzung münden. Er endet vor der Schuldirektorin, die "Reden statt Schlagen" einmahnt. Das klingt ähnlich sloganhaft, wie später die Sportlerweisheiten an den Wänden des Boxclubs, in dem Diana - neben lauter Jungs - lernen wird, ihre physische Energie mit Hirn und im Ring einzusetzen.

Karyn Kusamas Girlfight kommt ohne spekulative Schauwerte à la Frauencatchen aus. Die Regisseurin inszeniert Dianas Entwicklung vor dem Hintergrund eines vom alleinerziehenden Macho-Papa dominierten Haushalts und der Männerwelt im Boxclub als weibliches Coming-of-Age-Drama. Mitunter ein wenig schablonenhaft, aber mit großer Sympathie für ihre Heldin: "All that you do I can do too", rappen die Dallas Awesome zum Abspann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 7. 2001)

Von
Dominik Kamalzadeh
und
Isabella Reicher

'Requiem for a Dream',
(BTW: Cool Site)
19.7., 21.30
Kino im Augarten;

'Dead or Alive',
31.7., 22.00
Filmcasino;

'Girlfight',
16.7., 20.00
Votiv-Kino

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