Besuch bei der lieben Schwiegerfamilie

4. Jänner 2001, 19:12

Robert De Niro nervt als Patriarch: Jay Roachs "Meet The Parents"

Wien - Es geht nichts über soziale Kontrolle. Und wenn sie einmal versagen sollte, dann gibt es ja noch die Nannycam oder den Lügendetektor, der praktischerweise unten im Keller steht. Der Mann, der so denkt, ist gottlob im Ruhestand. Als Privatmann hat er jedoch noch einiges zu erledigen. Zum Beispiel dafür Sorge zu tragen, dass auch mit den kommenden Generationen seines Stammes alles zum Besten steht.

Robert De Niro spielt das gestrenge Familienoberhaupt. Von ihm alleine könnte der Film aber nicht leben. So richtig gut funktioniert er nämlich erst mit dem entsprechenden Gegenpart. De Niro, zuletzt in Analyze This! als Nervenbündel gebucht, ist hier eine despotische Nervensäge. Ein bornierter Rechthaber. Ein egozentrischer Pedant. Und Familienvater. Also immer schön brav und freundlich sein, schließlich will man ja nichts weniger von diesem Mann, als ihm - möglichst ohne größere Komplikationen und Widerstände - seine Lieblingstochter wegheiraten.

Der Schwiegersohn-Aspirant, Krankenpfleger Greg Fokker (Ben Stiller), der nicht nur die (akustisch wirksame) Bürde seines Nachnamens mit Würde trägt, sondern auch seine Profession jederzeit verteidigt, trifft also ein Wochenende lang auf seine zukünftigen Schwiegereltern. Und er tappt in Fettnäpfe, groß wie Öltanks, verstrickt sich fatal in Widersprüche und hat mehr als nur ein unglückliches Zusammentreffen mit Daddys Persianerkatze.

Natürlich sind in diese Machtspiele in Jay Roachs Meet The Parents (deutsch: Meine Braut, ihr Vater und ich) vor allem die Männer involviert. Es geht um Konkurrenz und Hierarchien. Greg hat es nicht nur mit dem Vater der Braut zu tun, sondern auch mit einem rotzigen kleinen Brautbruder, einem weiteren Schwager in spe und dessen Vater - beide eklig erfolgreiche Mediziner ("two doctors and a nurse ...") - sowie mit einem strahlenden Exverlobten (Owen Wilson), der so perfekt scheint, dass nicht nur Greg sich fragt, weshalb seine Angebetete die Hochzeit mit diesem Prachtexemplar hat sausen lassen.

Greg kann jedenfalls nicht Wasserball spielen, hat kein vorzeigbares Einkommen, kein Eigenheim und nur ein Mietauto. Ein echter Fall von männlicher Identität in der (Legitimierungs-)Krise. Der hier äußerst bodenständig angegangen wird. Da liegt der Gedanke an die Farrelly-Brüder nahe. Immerhin haben sie Ben Stiller mit There's Something About Mary schon einmal in einer ähnlichen Rolle vorgeführt. Meet The Parents hat auch sonst einiges mit diesem Film gemeinsam: Kalamitäten um verstopfte Toilett-Abflussrohre und überlaufende Senkgruben, Unfälle mit Haustieren, soziale Unzulänglichkeiten etc. Nur dass die Romantic-Comedy-Elemente hier geschlossener vorhanden sind, während sie in There's Something About Mary als Versatzstück-Fundus fungierten.

Auch verglichen mit Jay Roachs Austin Powers-Filmen funktioniert sein aktueller Film in vielerlei Hinsicht als klassische Screwball-Comedy. Der routiniert inszenierte, klassische Handlungsbogen gerät jedoch zunehmend in den Strudel brachialerer Formen von Komik und wird kurzzeitig immer wieder (buchstäblich) mitgerissen - sehr effektiv und höchst unterhaltsam.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 12. 2000)

Von 
Isabella Reicher

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