Gefährliche Liebschaften

1. Mai 2001, 22:16
posten

"Almost Famous" setzt den Rock-Groupies ein Denkmal

Sie bekommen ihre fünfzehn Minuten Berühmtsein geliehen. Von denen, die sie mit Leib und Seele verehren, den Rockstars. Der Film "Almost Famous" setzt den Rock-Groupies ein Denkmal. Doris Krumpl wirft einen Blick in die Geschichte.


Wenn es nicht so tragisch wäre, schaute es aus wie eine perfekte Performance

Ein Mädchen am Swimmingpool, sie schneidet sich die Pulsadern auf, köpfelt ins Wasser und dort zieht das Blut aus ihren Händen eine Spur. Die "Verzweiflungstat" eines unersättlichen Star-Groupies, das an der deklarierten Homosexualität eines ihrer Objekte der Begierde scheitert. Sable Starr war dieses 15-jährige, von zu Hause ausgerissene Girl in L.A., das zu solch harten Mitteln greifen konnte. Eines der wichtigsten Dinge hat sie nicht vergessen: cool bleiben, so exzentrisch und ekstatisch auch alles erscheint. Und es ist kein Gegensatz, wenn heutige, berühmte "It-Girls" ihren Ruf durch jeden Nervenzusammenbruch und jeden Promi-Klinikaufenthalt erhöhen.

Sie nannten sich Cynthia Plaster Caster, Cherry Vanilla, Savannah oder Sable Starr, und diese Fantasienamen sollten nicht nur ihre Fantasie beflügeln. Kunstnamen, mit denen auch das Image von Pornostars, Kurtisanen oder Musikerinnen veredelt wird. Wie in eine Sekte traten die jungen Girls ein, deren Gurus Rockmusiker heißen. Viele Rockmusiker. Viele Rockmusiker hintereinander. Gleichzeitig. Übereinander. Wir haben es schon gehört: "Money for nothing and the chicks for free." Im Gegensatz zu den schreienden, obsessiven Fans, die sich mit Massenhysterie während des Konzertes begnügten, wollten sich die Groupies, die "richtigen" Rock-Chicks, dieses Phänomen der 60er- und 70er-Jahre, ihre Idole im wahrsten Sinne einverleiben.

Anders sieht die Sache die 18-Jährige, die sich den Namen Penny Lane gibt, im aktuellen, im Jahre 1973 spielenden Film Almost Famous: Groupie sei ein Schimpfwort, meint sie. Das, was sie liebten, sei die Musik. "Wir sind die Musen. Wir nennen uns lieber Band Aids. Und da ist nichts Körperliches, kein Sex. Alles, was wir machen, sind Blow-Jobs." Ah so, eh nur.

Bill Clinton muss sich mit dieser Theorie schon früh eingehend beschäftigt haben. Polit-Chicks gibt's ja auch, aber während es Musiker "adelt", bringt es Präsidenten in ziemliche Schwierigkeiten.

Sich möglichst viele Stars reinziehen, mit ihnen rumhängen, im Tourbus mitfahren, wilde Partys feiern und es einfach laufen lassen, lautete das Prinzip der durchaus unerschrockenen Girls, die Rebellion verkörperten, lange bevor Courtney Love selbstbewusst mit Lippenstift SLUT auf ihren Arm schrieb und Riot Girls das Terrain eroberten.

Die vielen schriftlichen Bekenntnisse einstiger Rock-Chicks, wie Paula Yates' Stars in their underpants, Groupie (1969, von Jenni Fabian) oder Paula des Barres' I'm with the band zeigen eindeutig, in welcher Reihenfolge der Zirkus spielte: zuerst Rock'n'Roll, dann Sex, dann Drogen.

Die vielen "menschlich enttäuschten", weggeschmissenen Mädchen kennt heute keiner mehr

Die vielen "menschlich enttäuschten", weggeschmissenen Mädchen kennt heute keiner mehr, aber die, die es zur Berühmtheit brachten, hatten das gewisse Etwas. In der Glamrock-Zeit, als sich etwa David und Angie Bowie Frauen teilten, dominierte der knabenhafte Typus. Etwas später ähneln sie sich auch ein wenig: blutjung, eine Mischung aus Engel und Babe, deren Blondschopf, vor allem wenn er nicht echt war, ihnen etwas Unschuldiges und Künstliches zugleich verlieh - wie der sehr vielschichtig gezeichneten Penny Lane in Almost Famous. Sie konnten Göttinnen sein - absolut fabulous. Ihr wollt das Klischee, ihr Klischee-Männer? Wir geben es euch!

Sie wussten um ihre Macht, und eine der berühmten, Bebe Buell, Kurzzeitgefährtin von Aerosmith-Sänger Steve Tyler und als Folge Mutter der Schauspielerin Liv Tyler, stellt ihren "Kolleginnen" Sable Starr und Laurie Maddox gute Zeugnisse aus: "Laurie und Sable scherten sich nicht um Konkurrenz."

Das brauchten sie gar nicht. "Jeder Rockstar, der nach L.A. kam, wollte sie treffen." Das waren zum Beispiel Iggy Pop oder David Bowie. Sable Starr über einen Teil ihrer Bowie-Episode: "Ich und David saßen im Restaurant, mit einigen anderen Leuten. Und alle Freunde sehen dich - das war cool. Das war richtig cool."

Es konnte auch anders gehen und Cynthia Plaster Caster, ein unglücklich dreinschauendes, pummeliges Mädchen, gab sich nicht von ungefähr diesen Namen: Sie machte Gipsabdrücke von der Rockstars bestem Stück, u.a. dem von Jimi Hendrix und Jim Morrison. Jetzt hat sie sich Mut gefasst und nimmt auch berühmte Busen in ihr Repertoire.

Nancy Spungen sah niemals unschuldig aus und kam, wie einige der damaligen Rock-Chicks, aus dem Stripper-Umfeld. Zuallererst ging sie, die mit Sex-Pistol-Gitarristen Sid Vicious später Bett, Heroin-Spritzbesteck und das Flugticket zu Jesus teilte, mit den New York Dolls, von denen nur einer nicht in ihre Gunst kam. Dieser eine war Arthur Kane, der bevorzugte nämlich Girls ab 1,80. Ein Bandmitglied schildert das so: " Es war unglaublich. Ich konnte es nicht fassen, dass es so viele durchgeknallte Chicks mit gebleichtem Haar und zerrissenen schwarzen Strümpfen in jeder Stadt in den USA gab. Wo sind die alle hergekommen? . . . Und Arthur hat sie überall gefunden."

Drogen säumten den Weg der Rock-Chicks

Drogen säumten den Weg der Rock-Chicks, man denke nur an Jagger-Freundin Marianne Faithfull, die nach Razzias, nur mit einem Fell umhüllt, von der Polizei abgeführt wurde. Jagger übrigens, der steht auf sämtlichen Hitlisten der berühmtesten Chicks seit den 60er-Jahren. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Von Drogen ist bei Almost Famous kaum die Rede, und zurzeit, als der Film in L.A. vorgestellt wurde, im September 2000, setzte sich eines der wohl berühmtesten Groupies ein Drogen-Ende: Paula Yates, langjährige Ehefrau von Bob Geldof, die ihren Rockstar-Hunger als Talkmasterin stillte. Interviews führte sie, angetan mit laszivem Satinhängerchen, im Bett. INXS-Sänger Michael Hutchence blieb länger liegen. Im Jahre 1997 starb er einen Rock'n'Roll-Tod - den Yates nicht überwinden konnte. Auch nicht mit sehr jungen Männern, die sie in ihren Rehabilitationskliniken aufgriff. Das ist übrigens auch ein Merkmal einstiger Rock-Gören: Mit 15 mit älteren Männern, mit 40, 50 mit rund 20 Jahre jüngeren.

Das, was die Rock-Chick-Teenager damals wollten, ist ein Stückchen Berühmtheit, machmal eben auch im wörtlichen Sinne. Heute ist zumindest das nicht anders: Patsy Kensit, ihres Zeichens auch Schauspielerin, die auf ihrer Liste Dan Donovan (Big Audio Dynamite), Jim Kerr (Simple Minds) und - den bei Damen (unverständlicherweise) gerne herumgereichten - Oasis-Chef Liam Gallagher führt, gesteht der Times: "Alles, was ich will, ist berühmter zu sein als irgendjemand oder irgendetwas. Jede Nacht bete ich zu Gott: Bitte mach mich zum Star!" Und das interpretierte sie auch dahingehend, in drei Jahren jedes Detail ihrer Verliebtheit bis zur Scheidung der neugierigen Presse mitzuteilen.

Zwar gibt es heute jede Menge "It-Girls", die das gewisse Etwas haben (etwa Supermodel Kate Moss, deren Boyfriends vornehmlich aus der Musikszene stammen), doch die klassische Groupie-Berühmtheit zieht heute nicht mehr so. Berühmtheiten reichen sich gegenseitig Berühmtheiten weiter. Lenny Kravitz, der auf die Damenwelt unter 1,70 steht, beehrte Madonna, Courtney Love, Vanessa Paradis, Kylie Minogue, um nur einmal in der Popbranche zu bleiben. Wo sind Tabus, die man brechen kann? In den Sixties und Seventies hieß dies Rebellion, sexuelle Befreiung, Skandal.

Deutschlands einziges Super-Chick, die Exkommunardin Uschi Obermeier

Deutschlands einziges Super-Chick, die Exkommunardin Uschi Obermeier, passte perfekt in ihre Zeit. Nie war Rock'n'Roll in Verbindung mit Klassenkampf so sexy. Ebenso Nico, die illustre Namen wie Jim Morrison und Jimi Hendrix auf ihrer Gästeliste führte - und natürlich auch wieder den Jagger. Obermeier über die Veränderung der Dinge: "Es gibt ja keine Tabus mehr zu brechen, die haben wir damals alle gebrochen." Das Einzige, was der Jugend bleibe, sei, Klischees zu durchbrechen. Und wenn man das tue, werde man heute sofort von den Medien vereinnahmt.

Sicher, auch heute sind die weniger berühmten "Chicks for free". Mit dieser Art Exzess allein kann man heute kaum noch punkten.
(DER STANDARD/RONDO, Print-Ausgabe, 27. 4. 2001)

Von
Doris Krumpl

  • Artikelbild
    foto: imdb.de/columbia tristar film
Share if you care.