Blumfeld: Negation ist kompliziert

17. Oktober 2002, 14:41
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Gespräch über Pop, Politik und die Schwierigkeit, Protestsongs zu schreiben

"Zärtlichkeit ist im Zweifelsfall viel härter als die härteste Musik", sagt Jochen Distelmeyer. Seit mittlerweile fast zehn Jahren zählt die Hamburger Band Blumfeld um den etwas oberlehrerhaft wirkenden Gitarristen und Sänger zu den Fixsternen am deutschen Pophimmel.

Haben Blumfeld auf ihren frühen Alben "Ich-Maschine" und "L´etat et moi" noch zu ungeschliffenem Gitarrensounds mitunter kryptische Worttiraden in die Welt geschrieen, so leitete das 1999 aufgenommene Album "Old Nobody" einen markanten Bruch mit der Drei-Akkord-Ästhetik ein. Plötzlich übte sich das Quartett in süßlichen Arrangements, die auch vor Saxofonsoli nicht zurückschreckten. Unter skeptischeren Zeitgenossen kam da schon mal der Schlagerverdacht auf, im Pop-Feuilleton war gar von Kitsch die Rede.

Distelmeyer selbst sieht den Weg von den Anfängen der Band als junge Stürmer und Dränger im Zeichen des Post-Punk bis hin zur jüngsten Veröffentlichung "Testament der Angst" als Ausdruck von Kontinuität: "Alternative Pop ist doch längst zu einem kuscheligen Einrichtungsgegenstand verkommen, warum sollten wir da Krach durch noch mehr Krach übertönen?"

"Morden, morden, morden"

Während sich Blumfeld auf ihren neueren Arbeiten musikalisch leicht verdaulich geben, ist der Tonfall der Texte merklich rauer geworden. "Gebt endlich auf - es ist vorbei" heißt es da, oder:"Ich seh die Leute in den Straßen, die Diktatur der Angepassten. Millionen sind durch sie gestorben, sie lassen hungern, foltern, morden, morden, morden." Auf "Testament der Angst" beleben Blumfeld eine Rhetorik neu, die an die Zeiten des Punk erinnert und mit plakativen Formeln und simplen "Freund-Feind"-Schemen operiert. "Diese Geste ist in den letzten Jahren etwas verlorengegangen, aber unter verschärften politischen Bedingungen ist sie wieder notwendig geworden," meint Distelmeyer, "ein System, dass darauf gründet dass es arm und reich geben muss, lehne ich ab."


Blumfeld: Click und Clip

Auf der Suche nach dem "schweren Nein"

"Von der Unmöglichkeit, Nein zu sagen, ohne sich umzubringen" haben Blumfeld schon 1992 auf ihrem vielbeachteten Debütalbum "Ich-Maschine" gesungen. "Wie man im Song Widerstand oder Protest formulieren kann, das war bei all unseren Platten zentral," erklärt Distelmeyer, "wie gelangt man da hin um nein zu sagen, ein schweres Nein? - Der Ausdruck von Negation ist kompliziert." Das Politische war bei Blumfeld aber immer auch eine Sache des Privaten, des Alltäglichen, des Du und Ich. Dass Blumfeld bei ihren Expeditionen durch die Gefühlswelten des Alltags, auch potenzielle Peinlichkeiten nicht scheuen, verleiht ihnen Größe. Auf die resignative Stimmung angesprochen, die sich auf dem jüngsten Album in Titeln wie "Graue Wolken" oder "Eintragung ins Nichts" manifestiert, antwortet Distelmeyer: "Es ist wichtig sich dem zu stellen, und zu sagen ich kenne diese Gefühle, dafür wollten wir einen Ausdruck finden, denn es gibt auch die Angst seine Ängste zu verlieren."

Von der vielbeschworenen Kraft von Pop als Widerstandsmodell, wie es die "Subversion durch Affirmation"-Spiegelfechtereien von Bands wie Scritti Politti oder FSK in den achtziger Jahren für sich in Anspruch nahmen, wollen Blumfeld nichts wissen. "Ein hedonistischer Popbegriff der mit Politik kurzgeschlossen wird, ist falsch. Politik muss in politischen Aktionen stattfinden," sagt Distelmeyer, "ich hab zu viele Leute kennen gelernt, die gesagt haben, ich hab mir eine Public Enemy-Platte gekauft, ich bin linksradikal." (Text: Patrick Dax/Clip: Pia Feichtenschlager - 25.06.2001)


Blumfeld: Andre Rattay und Jochen Distelmeyer
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