Ein Plädoyer gegen den Opportunismus

24. August 2001, 11:43
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Von Werner Wintersteiner

Rudolf Burger nennt seinen Aufsatz zwar “Die Irrtümer der Gedenkpolitik”, doch bald wird klar, dass er das Gedenken an Verfolgung und Widerstand in der Nazizeit selbst als den Irrtum anprangert. Burger hat dazu einen Popanz aufgebaut, eine “Gedenkpolitik”, die “gebetsmühlenartig” die Gräuel der Nazizeit wachhalte und damit friedliches Vergessen verhindere, ja sogar jugendliche Schläger zu Nazis erziehe. Es ist eine alte Methode, die Sache so zurechtzubiegen, dass man bequem dagegen polemisieren kann. Dazu gehört auch, dass man so generell wie möglich bleibt. Das verleiht dem eigenen Argument nicht nur die Würde des Allgemeinen, das schützt auch vor lästigen Einbrüchen der Realität. Denn Burgers Polemik hält den Fakten nicht stand.

I. “Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago, das mumifizierende Gedenken verzaubert sie zum Mythos.” Das ist natürlich Unsinn, und es fällt schwer zu glauben, dass Burger das nicht selbst weiß. Denn wenn man diesen Begriff von “Realität” anlegt, dann ist auch sein eigenes Plädoyer bereits nichts als altes Zeitungspapier. Doch ist dieser Unsinn offenbar ein Eckpfeiler von Burgers Argumentation. Je weniger die Nazi-Zeit mit der heutigen Gegenwart zu tun hat, je mehr sie in die Kette des “Versunkenen” - von Cäsars Tod, dem Edikt von Nantes bis zur französischen Revolution - eingereiht werden kann, desto leichter fällt es, Gedenkpolitik als Unsinn anzuprangern.

Tatsächlich aber lebt nicht nur die Erinnerung weiter, die man ja nicht per Dekret verbieten kann. Was sich ebenfalls bis in die Gegenwart fortsetzt, sind Alltagsverhalten und politische Taten: Die Exilierten, deren Rückkehr mehr behindert als ermöglicht wurde, diejenigen, die nicht oder nur teilweise entschädigt wurden, oder die, denen bis heute bedeutet wird, sie sollten sich schämen, dass ihre Angehörigen von der Wehrmacht desertiert sind oder Widerstand geleistet haben, sie alle könnten Herrn Burger ein Lied singen vom versunkenen Karthago ...

II. Burgers nächstes Argument: Unsere Gesellschaft möchte nichts lieber als die “Gräuel der Vergangenheit” vergessen. Leider stiften aber die selbsternannten Sozialtherapeuten Unfrieden, die permanent an die Verbrechen der Nazis erinnern. Das stimmt einfach nicht. Tatsächlich wird von allen politischen Lagern mit der Vergangenheit Politik gemacht - und zwar sowohl mit dem Erinnern wie mit dem Vergessen, je nachdem, was opportun ist. Entschädigungen für Zwangsarbeiter, Restitution? Lieber vergessen! Aber die “braven deutschen Soldaten” und die Opfer der “Tito-Partisanen”? Permanente Erinnerung! Das Unrecht, das wir angetan haben? Es sei vergessen! Das Unrecht, das wir erlitten haben? Ewiges Gedenken! Die “Gedenkpolitik” wird also oft sogar sehr einseitig betrieben!

Ein Beispiel aus Kärnten: “Niemals vergessen!” ist hier ein Kampfruf derer, die ständig die “Kärntner Urangst” vor der “slowenischen Überfremdung” schüren, es aber absolut für verzichtbar halten, dass an die Nazi-Opfer gedacht wird! Als diesen Mai eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des KZs am Loiblpass stattfand, hat der Kärntner Heimatdienst sofort gerufen: “Vergesst die von den Partisanen Verschleppten nicht!” Sobald jemand wagt, der einseitigen Erinnerungspolitik das Gedenken an die Nazi-Opfer entgegenzustellen, geht ein Aufschrei durch das Land. Und hat nicht Landeshauptmann Haider sich in seiner ersten Amtszeit geweigert, WiderstandskämpferInnen Auszeichnungen der Republik zu überreichen? Frage: Wem nützt es, wenn Rudolf Burger angesichts dieser Tatsachen das Vergessen der Opfer als einen “Akt der Redlichkeit” bezeichnet?

III. “Die Schock-Pädagogik hat nicht die Kräfte des deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung ... (...) Die Beschwörung der monströsen Verbrechen ... macht aus dem Gebannten ein morbides Faszinosum.”

Das ist zweifelsohne richtig, aber was hat diese Darstellung mit unserer Realität zu tun? Wie kommt es, dass Rudolf Burger 50 Jahre pädagogische Bemühungen um politische Aufklärung ignoriert und ausschließlich auf ein Beispiel der Allierten in der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückgreift? Wieso ignoriert er eine Erinnerungsarbeit, die dem Versöhnen dient?

Denn vieles wurde tatsächlich “verdrängt” - nicht im psychoanalytischen Sinne, sondern ganz handfest aus dem öffentlichen Diskurs. Zum Beispiel sind in Villach Denkmäler an gefallene und vermisste Soldaten, Erinnern an Bombenopfer selbstverständlich. Die Opfer wie auch die hingerichteten Widerstandskämpfer hatten jedoch bis vor kurzem keinen Platz in der Erinnerung, vielfach waren nicht einmal ihre Namen bekannt. In mühsamer Kleinarbeit haben AktivistInnen des Vereins “Erinnern” die Namen und Fälle recherchiert, mit Angehörigen gesprochen, ihr Schicksal zum ersten Mal öffentlich bekannt gemacht. Schließlich gelang es, ein “Denkmal der Namen” zu errichten. Die Schüler eines Villacher Gymnasiums wurden in diese Erinnerungsarbeit aktiv einbezogen. Dabei haben sie zum Beispiel erfahren, dass die Mutter der Schulsekretärin der Naziherrschaft zu Opfer fiel oder dass im Schulhof Bücherverbrennungen stattgefunden haben. Die Gräuel der Vergangenheit wurden nicht “beschworen”, wie sich Burger das vorstellt, sondern in konkreten Geschichten erforscht. Es ging auch nicht um die “Monströsität der Verbrechen”, sondern um den konkreten Alltag, um erschütternde Fälle von Verfolgung wie um heroische Gesten der Menschlichkeit, letztlich um eine praktische Erziehung zur Demokratie. Doch das alles aber interessiert Rudolf Burger nicht, er spekuliert lieber darüber, dass politische Bildung Schlägertypen die Idee liefert, “sich als Jungnazi zu kostümieren” ...

In einem Punkt muss ich Burger freilich Recht geben: “Die Hyperkritik geht über in Hypokrisie.” Das trifft tatsächlich auf seine Polemik zu. Vielleicht hilft ihm auch der folgende Satz von Lichtenberg, den er ja gerne zitiert, als Aufruf zum Umdenken: “Die gar subtilen Männer sind selten große Männer, und ihre Untersuchungen sind meistens ebenso unnütz als sie fein sind. Sie entfernen sich immer mehr vom praktischen Leben, dem sie immer näher kommen sollten.”

Werner Wintersteiner, Germanist an der Universität Klagenfurt, arbeitet im Villacher Verein “Erinnern” mit.

Ich habe schon lange gedacht, die Philosophie wird sich noch selbst fressen.
Georg Christoph Lichtenberg
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