Karthago ante portas!

24. August 2001, 11:38
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Rudolf Burgers Plädoyer für das Vergessen kann man vieles entgegen halten... Von Ludwig Laher

Rudolf Burgers Plädoyer für das Vergessen kann man vieles entgegen halten. Ich will mich auf zwei Beispiele aus erster Hand beschränken, sie haben wesentlich mit meinem neuen Roman Herzfleischentartung zu tun. Darin werden zwei nach dem Krieg aus dem öffentlichen Bewußtsein gestrichene NS-Lager im Innviertel zum Mittelpunkt eines Panoramas der österreichischen Provinz zwischen 1940 und 1955. Mit der vorzeitigen Entlassung des letzten Haupttäters aus Anlaß des zehnten Jahrestages der Gründung der Zweiten Republik schließt das Buch.

Die Kontinuität nationalsozialistischer Überzeugungen, Gedächtnisverlust, Lüge und Festhalten an der Rechtmäßigkeit des Unrechts nach 1945 sind zwar bekannt, aber in dieser Genauigkeit und Kompromisslosigkeit selten dokumentiert worden, schreibt Anna Mitgutsch in ihrer einfühlsamen Besprechung im STANDARD. Mir gegenüber, der ich vor sieben Jahren in diese Gegend gezogen bin, haben vor allem Frauen rund um die 80 Andeutungen gemacht, daß hier Menschen, zuerst sogenannte Arbeitsscheue und dann Angehörige der autochthonen Sintiminderheit Oberösterreichs, interniert, gequält, als Zwangsarbeiter vermietet, etliche von ihnen ermordet worden sind. Die überlebenden 301 Sinti deportierte man schließlich nach Lodz, aus dem Ghetto kam niemand zurück.

Tausende Seiten Dokumente habe ich in verschiedenen Archiven gefunden, darunter den gesamten Aktenbestand der Staatsanwaltschaft Ried, die 1941/42 (!) durch 15 Monate hindurch versuchte, einen Prozeß gegen die Mörder vorzubereiten, und sie in Untersuchungshaft nahm, bis Hitler die Verfahren höchstselbst niederschlug.

Unter den weit über hundert Briefen, Mails, Anrufen, die mich in den letzten Wochen erreichten, waren folgende zwei aus verschiedenen Ecken dieses Landes:

In einem erzählt mir der Sohn des damaligen Gemeindearztes aus dem Nachbarort, sein Vater sei 1940 nachts einmal herausgeläutet worden. Die Lageraufseher in Uniform entschuldigten sich und wollten “nur” Unterschriften auf Totenschaubefunden, der zuständige Lagerarzt sei nämlich momentan nicht erreichbar. Dr. H. weigerte sich und durfte nach Rücksprache mit dem Lagerkommandanten die angeblich an Lungenentzündung Verstorbenen beschauen. Er müsse Fremdverschulden diagnostizieren und Meldung erstatten, meinte der Arzt im Angesicht der durch schwere Verletzungen entstellten Leichen. Er möge bedenken, seine Frau sei unlängst gestorben, wurde Dr. H. darauf beschieden, er habe vier Kinder, das jüngste knapp ein Jahr. Ob er verantworten könne, daß ihn morgen die Gestapo hole?

Im Morgengrauen, schreibt der Sohn, habe sein Vater unterschrieben. Im Jahr seines Todes 1977 erzählte Dr. H. seinem Sohn “in großer emotionaler Erregung” diese Geschichte. Der nun schleppte sie mit sich weiter, las fast 25 Jahre später meinen Roman und meint zum Abschluß, dieses Buch würde seiner Familie Befriedung bringen.

Zweites Beispiel: Am Tag nach der Ausstrahlung meines TV-Essays zum Buch im ORF läutet es an der Tür eines Überlebenden des Arbeitserziehungslagers, dessen Vergehen als Achtzehnjähriger darin bestanden hatte, einen Sonntag unentschuldigt bei der HJ zu fehlen. Draußen steht mit einem großen Rosenstrauß die Stieftochter eines der Haupttäter. Wie das Leben so spielt, wohnen beide heute zufällig nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Sie habe gestern im Film gesehen, wie er im Folterkeller des ehemaligen Lagers über die Sadismen der Aufseher berichtete. Nur andeutungsweise habe sie gewußt, welche Rolle ihr Stiefvater im Lager gespielt hatte, daß Herr K. eins der Opfer war, sei ihr völlig unbekannt gewesen, und jetzt sei es ihr eben ein spontanes Bedürfnis, ihm diese Blumen zu bringen, einfach so. Ja, kommen Sie doch bitte rein, meint da die Frau des perplexen Hausherrn, zwei Stunden unterhalten sich die Leute, es fließen auf beiden Seiten Tränen. Und gut tut’s.

Wenn die Nazizeit real wie Karthago versunken ist, lieber Rudolf Burger, was schlagen Sie dann für den Fall vor, daß Karthago mit Blumen vor der Tür steht? Nein, für den wichtigen Gedanken, die unsägliche Gedenk-Routine pointiert zu hinterfragen, schütte ich nicht das Kind mit dem Bad aus. Nicht daß Auto gefahren wird, ist schließlich die Ursache für das Schlachtfeld Straße, sondern wie gewisse Zeitgenossen es angehen.

Wie lebendig Nazi-Karthago abseits aller Rituale in den Köpfen und Hinterköpfen der noch lebenden Opfer ist, aber auch in vielen Kindern und Kindeskindern der Täter und vor allem jener Masse unglücklich Verwickelter, für die Dr. H. ein wunderbares Beispiel abgibt, ich allein könnte mit Geschichten dazu viele Seiten füllen.

Um Burgers Erregungsfalle mache ich lieber einen großen Bogen. Mir genügen stille Geschichten wie die beiden erzählten, um festzustellen: Gegen eine Reihe von Burgers mitunter gefährlichen Thesen lassen sich im intellektuellen Diskurs beste Argumente finden, sie werden in der Debatte ja auch vorgebracht. Manches ist bedenkenswert, schmerzlich wahr. Aber zum Mehrwert einfacher Begebnisse wie der geschilderten hat der Mann schlicht und einfach nichts zu sagen.

Ludwig Laher ist Schriftsteller; als einziger Österreicher wird er ab 28. Juni an den Lesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teilnehmen.

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