Trommeln im Wind

25. Mai 2005, 11:52
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Wer Luxus sucht, ist auf Santiago falsch. Doch die Kapverdische Insel entschädigt ihre Besucher mit atemberaubenden Landschaften, guter Küche und viel Musik

Die Frau, die sich über die staubige Kopfsteinpflasterstraße von Praia Richtung Meer hinunter nähert, trägt auf dem Kopf ein großes Gefäß aus Plastik. An beiden Seiten ragt ein Stück Thunfisch über die grüne Schüssel hinaus - wie eine exzentrische Hutkreation.

Fischfang ist auch auf Cabo Verde Männersache, Frauensache ist es, die Fische zu verkaufen. Die Frauen packen die Ware auf den Kopf und suchen die Kundinnen zu Hause auf, so lange bis die eigenartige Kopfbedeckung leer - und der Unterhalt, zumindest für diesen Tag, gesichert ist.

Praia, die Hauptstadt der Kapverdischen Inseln, ist trotz einiger ordentlicher Hotels kein Ort für TouristInnen, die hier, auf gleicher geographischer Breite wie die Karibischen Inseln, ebensolche Klischees suchen. Strände gibt es genug. Der größte allerdings ist mit Müll übersät. Das Meer ist auch hier strahlend blau, doch man sollte die Unterströmungen kennen. Wassermangel prägt den Alltag

Nur wenige Haushalte sind an die Wasserleitung angeschlossen, es sind die Mädchen und Frauen, die das Wasser in Eimern und Kanistern aus öffentlichen Wasserhäusern holen und auf dem Kopf heimtragen.

Seit 25 Jahren, seit der Unabhängigkeit von Portugal, sind die 15 Kapverdischen Inseln ein eigener Staat. Auf der größten Insel, Santiago, liegt auch die Hauptstadt Praia, in der sich rund ein Viertel der landesweit 420.000 Einwohner drängt. Neun der Inseln sind seit dem 18. Jahrhundert bewohnt, damals waren sie Hauptumschlagplatz für den portugiesischen Sklavenhandel. Bis heute gehört Cabo Verde zu den ärmsten Ländern der Welt.

Auf dem Markt in Praia verbindet sich Afrikanisches und Europäisches. Hier wird verkauft, was in den Ribeiras, den Tälern, die über Grundwasser verfügen, angebaut wird. Exotische Früchte, exzellenter Ziegenkäse und kleine, stark paprizierte Würste. Wer nicht Portugiesisch kann, sei getröstet: Auch viele der Marktfrauen können es kaum. Sie sprechen Kriolu, eine Mischsprache aus altem Portugiesisch und den afrikanischen Dialekten ihrer ursprünglichen Heimat. Die Verständigung klappt auch so, niemand versucht aggressiv seine Waren anzubringen. Werbetafeln sieht man nur hin und wieder in Verbindung mit internationalen Konzernen. Das Problem hier ist der Mangel, nicht ein übergroßes Angebot.

Cabo Verde und die Musik

So spielt auch Sehnsucht in der Musik auf den Inseln eine große Rolle. Und Cabo Verde ohne Musik ist undenkbar. Kaum wo haben sich auf so kleinem Raum so viele Stilrichtungen entwickelt, verschmelzen musikalische Traditionen so selbstverständlich mit Einflüssen aus Jazz und Pop. Bei der Suche nach Livemusik ist auf die TaxilenkerInnen Verlass (so wie die durchwegs überraschend guten Restaurants sind die Veranstaltungsorte nicht immer leicht zu erkennen).

Die Kraft der Batukas ist urtümlich: Seit Jahrhunderten singen überwiegend Frauen diese Lieder, die sich mit Politik, mit dem aktuellen Dorfgeschehen befassen, mit denen sie ihre Hoffnungen, aber auch ihren Spott ausdrücken. Mit lauter, klarer Stimme gibt der Vorsänger die Melodie vor, die Frauen trommeln im Takt und fallen dann in den Gesang ein. Zwei von ihnen tanzen zu dem immer schneller werdenden Rhythmus. Die Beine und der Oberkörper bleiben beinahe unbeweglich, die Hände werden gestreckt, in die Luft gereckt, das Wichtigste aber ist das Becken. Es bewegt sich vor und zurück, zuerst langsam, dann immer schneller, ruckartig. Um die Hüften haben sie ein traditionell gewebtes Tuch geschlungen, das sich immer wieder löst, wieder festgebunden werden muss. Immer schneller wird ihr Tanz, immer wilder kreist ihr Becken, immer lauter werden die Trommeln, immer schriller wird der Gesang. Kein Wunder, dass die Missionare diese Musik verboten hatten.

Die meisten der Batukas kommen vom Land. Treten sie in Praia auf, ist das auch ein willkommener Ausflug aus dem harten Alltag. Sie sind es, die die Familie zu versorgen, oft auch zu ernähren haben. Das gibt ihnen eine starke Position, zumindest im Kleinen sind sie die "Chefinnen".

Viele der Männer sind in der Emigration

Manche schicken Geld, von anderen verliert sich im Laufe der Jahre jede Spur. Frauen bauen an, was Boden, Wind und Trockenheit zulassen. Frauen sorgen sich um die Infrastruktur der Gemeinden. "Wenn du auf Cabo Verde etwas tun willst, dann mach' es mit den Frauen", sagt Suzi, eine kapverdische Mitarbeiterin des Kooperations- büros für Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA) in Praia. Sie ist dafür verantwortlich, dass in ausgetrockneten Flusstälern kleine Dämme gebaut werden, um das seltene Regenwasser besser zu halten. Gemeinsam mit einem lokalen Verein hat sich daraus ein Projekt entwickelt, in dem auch Trinkwasserreservoirs angelegt, Kurse für Naturschutz, Pflanzenzucht, den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte angeboten werden. Besucht werden sie überwiegend von Frauen.

Hilfe zur Selbsthilfe, darum geht es. "Die Menschen sollen motiviert werden, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen", sagt Karla Krieger, die EZA-Koordinatorin. Das klingt einfacher, als es ist. Fixe Arbeitsplätze gibt es viel zu wenige.

Internationale und nationale Hilfseinrichtungen tragen maßgeblich zum Bruttonationalprodukt bei.

Modernisierung, Maßnahmen gegen die Armut, eine bessere Verteilung des Zuganges zu Wasser und Strom und mehr Arbeitsplätze erwarten sich die Bewohner nun von der Regierung. Im Februar dieses Jahres gab es auf Cabo Verde einen politischen Machtwechsel. Anstelle der konservativ-wirtschaftsliberalen MPD (Movimento para Democracia) regiert nun die sozial orientierte PAICV (Partida Africana da Independencia de Cabo Verde). Ihre Vorgängerin hatte die Inseln vor 25 Jahren in die Unabhängigkeit geführt.

Jetzt wird auch darüber diskutiert, wie viel und welche Art von Tourismus den Inseln gut tut. Auf der Insel Sal ist es schon entschieden. Hier gibt es an der Südküste weißen Sand, endlosen Strand, türkisblaues Meer und einige internationale Hotels - der Rest gleicht einem planierten Bauplatz, ist Wüste ohne jede Romantik.

Santiago aber bleibt bis auf weiteres ein lohnendes Ziel für alle, die bereit sind, für die Erkundung einer atemberaubend schönen Insel zwischen Afrika und Europa auf die Annehmlichkeiten luxuriöser Ferienanlagen zu verzichten. Besucher brauchen Zeit, um auf den im besten Fall kopfsteingepflasterten Straßen das Landesinnere der Insel zu erkunden. Belohnt werden sie mit dem Blick auf gelbbraune Hügel mit lichtgrünen Busch-Tupfen, die dann in schroff aufragende Bergketten übergehen. Dann tauchen völlig unvermutet grüne Talböden auf, mit Palmenhainen, Bananen, Papayas und Zuckerrohr, aus dem das Nationalgetränk "Grogo", ein weißer oder brauner Zuckerrohrschnaps, gemacht wird. Die Zuckerrohrmühlen werden oft noch mit Ochsen angetrieben.

Doch egal, ob auf dem für Touristen aufbereiteten Eiland Sal oder auf der für Urlauber weniger einfach zugänglichen Insel Santiago - ein Tipp gilt für ganz Cabo Verde: Wer Wind nicht verträgt, sollte sich ein anderes Reiseziel suchen. Eva Rossmann

Infos: In jedem guten Reisebüro. Beste Reisezeit ist Frühjahr und Herbst. Reiseführer-Tipp: "Cabo Verde" von Regina Fuchs, Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2001, öS 291 / EURO 21,15.
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