Ein Funkeln und Flirren

13. Mai 2005, 11:41
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Ein Festival macht aus einer ehrwürdigen Stadt am Genfer See jeden Sommer eine Jazzmetropole. Ernst Strouhal über das laute und das leise Montreux

Frank Zappa behielt die Nerven. Als während des Konzertes der Mothers of Invention mitten in Don Presons Syntheziser-Solo von "King Kong" plötzlich das Schilfdach von Montreux' Casino in Flammen aufging, dirigierte Zappa das Publikum ruhig zum Ausgang. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt, aber das alte Casino am Genfer See brannte völlig aus.

Die Nacht des 4. Dezember 1971 war eine Tragödie für die Stadtverwaltung, aber nicht für alle ihre Bewohner. Ritchie Blackmore etwa inspirierten die rauchenden Trümmer am See zu "Smoke on the Water", für einen anderen, in Hörweite befindlichen amerorussischen Schriftsteller war der Casino-Brand wohl nur eine mehr als gerechte Strafe für die Höllenmusik, die seit fünf Jahren die Stadt im Zeichen eines Festivals erfasst hatte. Man mag sich den freudig-erstaunten Blick Vladimir Nabokovs aus seinem Fenster in einem Seitentrakt des Montreux Palace vorstellen, als der Lärm endlich verstummte und das lange ersehnte Rachefeuer am Nachthimmel sichtbar wurde.

Jazz stand ganz oben auf der langen Liste der Dinge, die Nabokov hasste

Montreux freilich liebte er. Hier entstand sein Spätwerk, von "Ada" bis "Sieh doch die Harlekine!", in den Bergen des Wallis gerieten im Laufe der Jahre 4000 Schmetterlinge in sein Netz, hier komponierte der Gedächtniskünstler am 8. August 1970 sein unzweifelhaft bestes Schachproblem. "Vorzügliche Post", lobt Nabokov in einem Interview die Stadt, "keine lästigen Demonstrationen, keine sekkanten Streiks." Außerdem: "Alpine Schmetterlinge. Phänomenale Sonnenuntergänge - der See ein einziges Funkeln und Flirren."

Tatsächlich lässt sich das Nabokovsche Montreux allen Neubauten und dem Ausbleiben der Schmetterlinge zum Trotz auch heute noch erahnen, geht man die Promenade vom Quai des Fleurs bis zum Parc de Vernex entlang. Man "geht" hier natürlich nicht, man spaziert über die Promenade wie es vordem Tschaikowski, Rilke, Graham Greene und Romain Rolland taten, vorbei an mondänen Hotels und an Residenzen ohne Namensschild. Im milden Klima von Montreux gedeihen Palmen, die atemberaubenden Preise für die Vacherins au chocolat, eine Art Schokoladenwunder, dessen Genuss die ruinösen Folgen jederzeit in Kauf nehmen lässt, sorgen heute noch zumindest für das Echo von Exklusivität. Und ganz ehrlich: Der See funkelt und flirrt im Abendlicht, dass einem die Augen schmerzen.

Seit Lord Byron im Sommer 1816 das Seeufer für sich und das Ehepaar Shelley entdeckte, ist Montreux stolz auf die unzähligen englischen Dichter, die russischen Prinzen, auf die Banker, Filmstars, Könige und Maharadschas, die die Stadt besuchten. Stolz ist man auch auf die eigene Diskretion im Umgang mit den berühmten Gästen. Die Prominenz ist unter sich, die Bürgerschaft von Montreux Meister des taktvollen Wegblickens. "Man kann Diskretion auch Feigheit nennen", rückt Evelyne Lüthie-Graf, die Leiterin der Archives de Montreux, dieses nachhaltigste aller Montreux-Klischees zurecht. Und erzählt ganz andere Geschichten des Ortes: Von den Schmugglern, die Salz über den See brachten, den vazierenden Soldaten, den Herren aus Bern und von der Zeit, als aus den Bauern Gastwirte wurden und Montreux aus einem Konglomerat von Dörfern inmitten von Weinbergen und Wäldern entstand.

Véra und Vladimir Nabokov kamen Anfang der 60er-Jahre nach Montreux, als man der endlosen Quartierwechsel in den USA müde und nach dem Welterfolg von "Lolita" endlich finanziell unabhängig geworden war. Das Appartement, das das Ehepaar im 6. Stock des Montreux Palace bezog, bildete ein von der Welt fast uneinnehmbares Refugium. "Absolute Ruhe," schreibt Nabokov, zeitlebens lärmempfindlich wie sein Professor Pnin, über die Vorteile des Lebens im Grand Hotel, "kein Radiogedudel hinter der Wand, von der Decke keine dumpfen Schrittgeräusche, kein Schnarchen von unten durch den Fußboden, keine zechenden Gondolieri auf der anderen Gassenseite, keine Betrunkenen auf dem Korridor." Das Hotel bot zudem einen Blick auf den See, der dem der Kindheit ähnelte, der Park garantierte einen luxuriösen Arbeitsplatz in Gestalt einer Parkbank oder eines Tisches auf der Terrasse. Nabokov blieb wie viele der residents bis zu seinem Tod 1977. Praktischerweise steht in Montreux neben jedem besseren Hotel eine Kirche, die Friedhöfe sind allesamt großartig.

Die von Nabokov so verehrte Hängezeder im Park ("das baumgestaltige Gegenstück zu einem zottelhaarigen Hund mit Fransengardine vor den Augen") ist heute allerdings verschwunden wie vieles mehr. Vor allem Stammgäste wie die Nabokovs sind selten geworden. Das Montreux Palace ist zwar besser in Schuss denn je - keine fadenscheinige Stelle am Teppich, kein lockerer Türgriff -, die Salons der Belle Epoque stehen jedoch größtenteils leer. Von Zeit zu Zeit dienen sie noch als Filmkulisse, der "Zauberberg" mit Charles Aznavour wurde hier gedreht. Vom Glanz der Vergangenheit bleibt der Wille zum Luxus. Der Lebensstil der Gäste hat sich verändert. Vor kurzem wurde das Palace sorgsam modernisiert, ein Fitnesscenter wird errichtet, jedes der 235 Zimmer erhält einen Internetanschluss. Man will jüngere Gäste ansprechen und die bleiben lieber, wie Michael Jackson vor vier Jahren, zwei Wochen lang in ihrer Suite als sich im Salon zu präsentieren.

Im Juli, wenn das Jazzfestival beginnt, sind die meisten Hotels ausgebucht

Der Jazz katapultiert seit 35 Jahren Montreux jeden Sommer in die Gegenwart und hat die fortschreitende Verpuppung der Stadt in ein Tourismusmuseum erfolgreich unterbrochen. Was 1967 als strenger Wettbewerb für europäische Jazzformationen begonnen wurde, entwickelte sich rasch zu einem Brennpunkt internationaler Musik. Die Organisatoren nahmen es mit dem Begriff Jazz nicht so genau und integrierten Rock, Pop, Funk und Reggae. Damit übertrifft man nicht nur regelmäßig die Zuschauerzahlen des Vorjahres, die Öffnung des Festivals fungiert auch als Trojanisches Pferd, das im Inneren den Jazz zu den Leuten trägt: So trabte etwa 1985 eine kleine Wiener Schar wegen eines (ausverkauften) Konzertes von Stevie Ray Vaughn scheinbar vergeblich nach Montreux, bekam als Trost erstmals Miles Davis zu hören und wusste danach, dass sich die Plattensammlung in Zukunft ein wenig verändern wird. Heuer bietet das Festival eine selbstentzündliche Mischung der Rhythmen, diesmal aus HipHop, Rock, DJs, Latin, Soul etc. Sogar Jazz wird zu hören sein, was immer das nun ist.

Im Übrigen: Für den armen Nabokov ist es nach dem Casino-Brand nicht besser geworden. Im Juni 1972 spielten Bo Diddley und Chuck Berry im Pavillon, nun fast direkt gegenüber von Nabokovs Fenstern. Seit dem Konzert, sagt man, geht jedes Jahr zum Festivalbeginn ein Gespenst in Montreux um. Vom Friedhof von Clarens aus fliegt es, ein Schmetterlingsnetz aus Seide in der einen Geisterhand, Karteikarten aus durchscheinendem Papier in der anderen, die Promenade entlang und schreit flehentlich "Ticho, tiicho ... poshalujsta!" (Ruhe, Ruhe ... bitte!) in die Sommernacht hinaus. Vergebens, die meisten hören es nicht einmal.
Montreux-Festival 2001, 6.-22. 7., u.a. mit Bob Dylan, B. B. King, Van Morrison, Paco de Lucia & Septet, Kruder & Dorfmeister, Sting, Chick Corea, Patti Smith: www.montreuxjazz.com. Nabokovs 4323 europäische Schmetterlinge sind nach Voranmeldung im Musée Cantonal de Zoologie, Palais de Rumine, Place de la Riponne 6, (Tel. 00800-1-0020030) in Lausanne zu sehen.


Info: Schweiz Tourismus 01 / 513 26 40, www.mySwitzerland.com
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