Rückblick: "Khatami, wir lieben dich"

8. März 2002, 13:54
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Irans Reformlager jubelte über Sieg seines Präsidenten mit 77 Prozent

Der Tag nach den Präsidentschaftswahlen war der Tag der Freude. "Khatami, wir lieben dich", schrien vor allem junge Mädchen, die am Samstag im Norden von Teheran mit Bildern von Khatami auf die Straßen gingen. Dröhnende Musik und Hupkonzerte gab es auf der Flaniermeile Africa Street, wo junge Leute sonst zu Flirtzwecken mit Papis Auto auf und ab zu fahren pflegen. Andere Jugendliche gingen es ruhiger an, sie verteilten Blumen an die Passanten.

In den Schlangen, die sich am Freitag trotz geringerer Wahlbeteiligung als 1997 vor den Wahllokalen gebildet hatten, waren vor allem sie zu sehen gewesen: die Jungen - darunter viele Erstwähler - und natürlich die Frauen, Mohammed Khatamis Stammwähler. Etliche kamen nicht bis zu den Urnen, es gab nicht genügend Stimmzettel, und der Wächterrat, das konservative Organ, das die Wahlen kontrolliert, erlaubte nicht, dass die Wahllokale auch noch nach Mitternacht offen blieben.

Geringere Beteiligung

"77 Prozent haben für mehr Demokratie und Freiheit gestimmt", schrieb die Zeitung Nowrooz am Sonntag und riet den Konservativen zu mehr Toleranz und demokratischem Verständnis. Damit drückt sie ein vorherrschendes Gefühl der Iraner und Iranerinnen nach den Wahlen aus. Noch nie zuvor in der Geschichte der Islamischen Republik hatte ein Präsident bei seinem zweiten Antreten mehr Stimmen als beim ersten Mal erhalten. Khatami schaffte das, er bekam diesmal fast 22 Millionen Stimmen, vor vier Jahren waren es 20 Millionen gewesen. Aber nur 28,2 Millionen Iraner und Iranerinnen (67 Prozent im Vergleich zu 83 Prozent 1997) gingen wählen.

Auch bei den Nachwahlen für 17 unbesetzte Parlamentssitze, die ebenfalls am Freitag stattgefunden hatten, gewannen die Reformer mit großem Vorsprung - dort, wo sie angetreten waren, denn der Wächterrat hatte schon vor den Wahlen ordentlich aufgeräumt und viele Reformer aus den Listen gestrichen. Die endgültigen Ergebnisse werden erst in ein paar Tagen bekannt gegeben.

Debakel für Gegner

Die neun mehr oder weniger konservativen Gegenkandidaten Khatamis bekamen nirgendwo mehr als 15 Prozent der Stimmen. Am besten schnitt noch Ahmad Tawakoli, der große Favorit der Konservativen, ab, aber auch er erhielt insgesamt weniger als fünf Millionen Stimmen (15,6 Prozent) - das sind weniger Stimmen als der ehemalige Parlamentspräsident Ali Akbar Nategh-Nouri bekam, gegen den vor vier Jahren der Außenseiter Mohammed Khatami in einem Erdrutschsieg gewonnen hatte.

Völlig in die Hosen ging der Versuch von Exgeheimdienstchef Ali Fallahian, sich über den Umweg einer Kandidatur rehabilitieren zu lassen: Er bekam in Teheran bei mehr als drei Millionen abgegebenen Stimmen nicht einmal ein paar Tausend. Insgesamt kam Fallahian, dem eine Rolle bei den Intellektuellenmorden vor zweieinhalb Jahren nachgesagt wird, auf 0,2 Prozent.

Revolutionsführer Ayatollah Khamenei zeigte sich am Sonntag als guter Verlierer, gratulierte dem Sieger und bezeichnete das Debakel seines Lagers als "deutliches Beispiel für die religiöse Demokratie".
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2001)

STANDARD- Korrespondent Amir Loghmany aus Teheran
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