Ein "brennender Wunsch nach Krieg"

2. November 2001, 11:55
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Die "Mutter aller Verschwörungen": Wussten die USA vom drohenden Angriff auf Pearl Harbor?

Nahezu 60 Jahre nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor lebten in den USA mit den groß angelegten PR-Aktionen für Michael Bays Blockbuster die Diskussionen um die so genannte "Mutter aller Verschwörungen" wieder auf.

Wieder beschäftigen sich die Medien mit der Frage: Hatten US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill von dem bevorstehenden Angriff gewusst oder ihn sogar provoziert, um die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der US-Beteiligung am Krieg zu überzeugen?

Diese Frage stellte sich durchaus zu Recht: Denn im Jahr 1941 waren die Amerikaner keineswegs davon überzeugt, dass sie der "europäische Krieg" auch nur das Geringste anginge. Churchill etwa beschrieb ein Treffen mit Roosevelt im Sommer 1941 und erwähnte dabei die "erstaunliche Tiefe von Roosevelts brennendem Wunsch nach Krieg". War also tatsächlich der Wunsch der Vater des Gedanken, und war die Provokation Japans - das damals mit Deutschland verbündet war - der einzige Weg, Hitler entgegenzutreten?

Provokation

Es besteht wenig Zweifel, dass Roosevelt die Japaner etwa mit einem Ölembargo herausforderte und der Ansicht war, dass der erste Angriff seitens Japan erfolgen sollte. Nur so würde er die zögerlichen Amerikaner von der absoluten Unabwendbarkeit eines Kriegseintrittes überzeugen können.

In seinem Buch Infamy: Pearl Harbor and its Aftermath (1981) schreibt der Historiker Jonathan Toland, Roosevelt und seine engsten Berater seien die ganze Nacht vom 6. auf den 7. Dezember wach gewesen und hätten auf das "gewartet, von dem sie wussten, dass es kommen würde: eine Attacke auf Pearl Harbor". Auch Roosevelts engster Berater, Harry Hopkins, berichtet, Roosevelt sei, nachdem ihm die Nachricht über den Angriff überbracht wurde, nicht sonderlich überrascht gewesen und habe "große Erleichterung" gezeigt.

Nach einer Sitzung des Regierungskabinetts am gleichen Nachmittag schreibt Harry Hopkins weiters: "Alle von uns glauben letztlich, dass Hitler der wirkliche Feind ist ... und dass Japan uns eine Möglichkeit gegeben hat."

Diese Aussage spricht wieder gegen die Verschwörungstheorie, denn wäre Hopkins Teil einer solchen gewesen, ergibt sein Bericht keinen Sinn, sondern demonstriert nur wieder den Wunsch Roosevelts, gegen Hitler in den Krieg zu ziehen - und vielleicht sogar eine gewisse Kaltblütigkeit des Präsidenten.

Guter Anlass

Churchill schrieb viel später: "Eine japanische Attacke auf die USA bedeutete eine riesige Vereinfachung ihrer Probleme und ihrer Pflicht. Warum wundern wir uns dann, dass die Amerikaner die tatsächliche Form der Attacke oder sogar ihr Ausmaß als unvergleichlich weniger wichtig betrachteten als die Tatsache, dass die amerikanische Nation nunmehr vereint würde?"

Gegner der Verschwörungstheorie argumentieren, dass es wohl stimme, dass Roosevelt den Eintritt der USA in den Krieg gewünscht habe, jedoch keinerlei Wissen über Pearl Harbor haben konnte, da der japanische Code, den die Amerikaner gebrochen hatten, sich nur auf diplomatische Depeschen beschränkte und keine Details über die geplanten Militäraktionen enthielt.

Viele dieser Fragen werden aber weiterhin unbeantwortet bleiben, denn sechzig Jahre "danach" gibt es angeblich noch immer eine Reihe von Dokumenten, die aus Gründen der "nationalen Sicherheit" nicht geöffnet wurden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 6. 2001)

STANDARD- Korrespondentin
Susi Schneider
aus New York
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