Kindergeld: Vive l'Autriche?

31. Mai 2001, 20:43
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Leben wie eine Mutter in Frankreich: Joelle Stolz über "ihr" Kinderförderungs-modell - und was die "Meilenstein"-Erfinder der schwarz-blauen Bundesregierung davon lernen könnten.

Bei meinem ersten Aufenthalt in Österreich vor etwa 15 Jahren war ich betroffen von jenen moralisierenden Postern, die man damals in den Wartesälen gewisser Spitäler fand: "Vertraue dein Kind keinen fremden Händen an" (ich zitiere aus der Erinnerung). Auf diese Weise wurden alle Betreuungsformen außerhalb der Familie stigmatisiert.

Für mich war das ein Kulturschock, vergleichbar mit jenem, den ich verspürte, als ich erfuhr, dass die Geschäfte hier - damals noch - um 18 Uhr sperrten, oder dass Schulkantinen der Ausnahmefall waren. Wie schafften es die Eltern damals bloß, ganztägig arbeiten zu gehen?

Nach einigen Monaten (ich erwartete damals mein erstes Kind), erschien mir die Antwort ganz offensichtlich: Man erwartete von den Müttern gar nicht, dass sie ganztags arbeiten, sie wurden vom sozialen Umfeld und der herrschenden Gesetzeslage dazu angehalten, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben. Tatsächlich hat die große Mehrzahl der Frauen, die ich kenne - egal, ob sie nun konservativ, sozialistisch oder Grün wählten - das Karenzjahr zur Gänze in Anspruch genommen.

Die ominöse Aussage Christine Vranitzkys über jene Frauen, "die ihre Kinder um sieben Uhr früh abgeben", um für einen Hungerlohn arbeiten zu gehen, war bezeichnend für den in Österreich herrschenden Konsens: ohne Großmutter oder eine teure Kinderfrau zu Hause - keine Chance. Anders als in Frankreich, wo die Kindertagesstätten von den urbanen Eliten stark in Anspruch genommen werden - besonders in Paris, wo es immer noch viel zu wenige gibt -, haben diese Einrichtungen hierzulande ein schlechtes Image. Was wahrscheinlich weniger auf das katholische Erbe zurückzuführen ist als auf die doppelte Abschreckung durch Nazismus und Kommunismus, die, beide auf ihre Weise, die Kinder "kollektivieren" wollten.

Jedenfalls gibt es wohl nur wenige Bereiche, wo die kulturellen Unterschiede zwischen Österreich und Frankreich derart eklatant zu Tage treten wie beim Umgang mit der Frauenarbeit. Die Französinnen haben nur ziemlich kurze Mutterschaftsurlaube - zehn Wochen nach der Geburt bis zum zweiten Kind, 18 Wochen ab dem dritten -, aber sie profitieren von einem System, welches ihnen viel leichter als hier die Möglichkeit gibt, ein ausgefülltes Berufsleben mit der Erziehung von einem oder mehreren Kindern zu vereinbaren. Dazu gehören: großzügige Familienbeihilfen, subventionierte Kinderkrippen, finanzielle Unterstützung, um - außer Haus - eine diplomierte "Mutterhilfe" (deren Sozialbeiträge von der Familienbeihilfe geregelt werden) in Anspruch zu nehmen, oder ein Zuschuss für Kinderbetreuung bei Angestellten (von den Sozialisten auf umgerechnet 20.000 S pro Trimester begrenzt).

Außerdem gibt es Kinderbetreuung bis 17 Uhr für Kinder ab drei Jahren im Kindergarten, Ferienlager im Sommer und im Winter, die zu mindestens 50 Prozent von Unternehmen oder Versicherungen übernommen werden, nicht zu vergessen die "Freizeitzentren", die von den Gemeinden unterhalten werden und in denen speziell ausgebildete Animatoren während der Schulferien alle Arten von Aktivitäten anbieten.

Was Frauen . . .

Resultat: Französische Mütter stehen zwar unter einem gewissen psychischen Druck (Studien haben bei ihnen einen starken Konsum von Beruhigungstabletten festgestellt), aber 75 Prozent der Mütter mit zwei Kindern und 51 Prozent der Mütter mit drei Kindern oder mehr gehen zur Arbeit. Und das obwohl in einem von Armut oder Arbeitslosigkeit geprägten Milieu Hunderttausende sich dazu verleiten ließen, den 1994 eingeführten Elternzuschuss in Anspruch zu nehmen (ab der zweiten Geburt 3000 Francs im Monat, also etwa so viel wie das Kindergeld). Fragt sich nur: zum Wohle ihrer Kinder?

Kürzlich zeigte eine Untersuchung in Frankreich, dass, ganz im Gegensatz zur tradierten Meinung, Kinder viel eher Gefahr laufen, missbraucht oder schlecht behandelt zu werden, wenn ihre Mütter zu Hause bleiben, als wenn sie einem Beruf nachgehen - wahrscheinlich deshalb, weil finanzielle Abhängigkeit nicht gerade die beste Voraussetzung dafür ist, eine gute Mutter zu sein, und eher dazu verleitet, die Augen vor bestimmten Verhaltensweisen des Partners zu verschließen beziehungsweise die eigenen Frustrationen auf das Kind abzuwälzen.

Es wäre übrigens interessant, die Resultate einer solchen Untersuchung in Österreich zu kennen. Jedenfalls scheint die Abhängigkeit der Frauen - wer kann bei 3000 Francs im Monat wirklich von Autonomie sprechen? - die Geburtenrate nicht zu fördern: In jenen Industrieländern, die die Mütter dazu ermutigen, zu Hause zu bleiben, ist die Geburtenrate rückläufig: in Spanien, Italien oder in Japan rapide - aber auch Deutschland hält derzeit nur mehr bei 9,5 Promille, während man in Frankreich 12,7 Promille erreicht (= 1,8 Kinder pro Frau gegenüber 1,3 in Österreich oder in Italien), ebenso wie in Dänemark. In diesem wahren "Paradies für Mütter" profitieren Eltern nicht nur von langen Kinderbetreuungszeiten, die doppelt so hoch abgegolten werden wie hier, sondern auch von idealen Betreuungsstrukturen und - einem sehr hohen Anteil von berufstätigen Frauen.

. . . wirklich wünschen

Österreichs PolitikerInnen hingegen scheinen es vorzuziehen, die Augen vor der Realität zu verschließen. Das Kindergeld wird zwar ohne Zweifel zu einer Flexibilisierung der Arbeit in den Unternehmen beitragen und bietet den Frauen ein weniger starres System als das Karenzjahr, aber von seinem Geist her widerspricht es den Wünschen der Mehrheit der Frauen.

Eine Österreicherin, die seit zehn Jahren in einer Wiener Handelsakademie unterrichtet, erzählte mir, welcher Abgrund sich in der Mentalität zwischen Buben und Mädchen auftut: "Für Mädchen ist beruflicher Erfolg eine absolute Prioriät, während die Buben noch von einer Hausfrau am Herd träumen. Ich frage mich, wen sie wohl einmal heiraten werden." Vielleicht Immigrantinnen?

(Joelle Stolz ist Korrespondentin der Tageszeitung "Le Monde" in Wien.)(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.6.2001)

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