Ilse Aichinger: Journal des Verschwindens (XXXI)

31. Mai 2001, 20:38
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"Oh, eine schreckliche Furcht . . ."

Er liegt so schräg, dass die vermeintlich "Schrägen" linear erscheinen. Die Pasolini-Retrospektive im Filmmuseum ist leider zu Ende. Man bekam Lust, sich ihr anzuschließen und seine Sicht auf Vögel, Landschaften und römische, in Dürre und Lethargie endende Vorstädte mit seinen geschlossenen Augen wahrzunehmen.

Pier Paolo Pasolini, am 5. 3. 1922 in Bologna geboren, trug bald einen weißen Matrosenpullover mit geometrischem Muster an Saum und Kragen, blütenweiße Kniestrümpfe, weiße Lackschuhe. In seinem Geburtsjahr kam Mussolini an die Macht. Aber ich will nicht pauschal sein, ich bin nicht sicher, ob Gott im Detail ist, aber sicher ist es Pasolini:

Kindergarten bei den Ordensschwestern in Belluno. Aber die haben es nicht leicht, er ist ein launisches Kind, dickköpfig, naiv, leichtgläubig und begeisterungsfähig. Aus der ersten Schulklasse in Conegliano bringt er der Mutter eine Medaille mit einer grünen Schleife mit. Die zweite Klasse absolviert er in Casarsa und entdeckt das Friaul. Dritte Volksschulklasse in Sacile, die ersten Gedichte, vierte Klasse in Idria, die Lehrer mochten ihn nicht.

Nach der fünften Klasse fällt er in Italienisch durch. In Cremona endet seine Kindheit, er ist dreizehn. Kein "Pierino" mehr, kein kleiner Aufwiegler. Die nächste Schule in Reggio Emilia. Dann wieder Bologna, Gymnasium, Universität, er ist ein guter Sportler. Er ist katholisch nicht nur nebenbei, er geht zur Kommunion, wenn ihn die Kusine Anna drängt oder schwere Schulaufgaben bevorstehen. Immer trägt er eine stumpfe Feder, Marke "Campanile", in der Tasche.

Die Neigung zu ritualistischer Frömmigkeit verschwindet nach der Lektüre von Shakespeare. Er beginnt zu zeichnen, Familienporträts, kleine Landschaften, porträtiert seine Mutter beim Schminken. Wenig später schreibt er: "Ich kam in die Welt / zur Zeit der Analogie, / ich agierte auf diesem Gebiet wie ein Lehrling."

Und danach? Wie in einem Roman kam der "Rimbaud ohne Genie" (Selbstbeschreibung) mit seiner Mutter nach Rom. Aber bald verkehrt er an den Tanzabenden mit der "roten Peripherie". Und arbeitet wie ein Verrückter an dem Drehbuch Il prigoniero della montagna (dt.: Flucht in die Dolomiten), Regie: Luis Trenker. Pasolini durchstreift die Salons der Szene. Ragazzi di Vita erscheint im Buchhandel und löst Skandale aus. Er schließt sich an Moravia an, beide werden zu Galionsfiguren der Szene.

Giorgio Bassanis Die Gärten der Finzi Contini sind nicht seine Welt, aber auch da liegt er schräg und befreundet sich mit ihnen: Aufschlussreich, schreibt er in einer Rezension, sei das Zögern Bassanis, ob er das Ferrara in seiner jüdischen Familiengeschichte ausschreiben oder nur "F." nennen solle. Pasolini hingegen schrieb alles aus, aber sparsam und exakt, in seinem Leben, Sterben, in seinem Fremdsein im Zentrum. Die letzten Jahre: Sein Hang zu Gewohnheiten lässt nicht nach: "Gewohnheiten, diese Schwestern der Tragödie".

Pasolini filmt unermüdlich, Porcile, Medea, Teorema, Canterbury Tales. In Schweden kommt eine Anthologie seiner Gedichte heraus. In den letzten Oktoberwochen 1975 reist er nach Stockholm. Von dort nach Paris und wieder zurück: "Oh, eine schreckliche Furcht; / Das Glücksgefühl birst / gegen diese Fenster ins Dunkle / Doch dieses Glücksgefühl / ist eine Rückkehr vom Tod".

Am 1. November bleibt er zum Mittagessen zu Hause. Susanna hatte für ihn gekocht, abends wollte er mit Nanette zum Essen ausgehen. Das Foto-Finish, die letzte Aufnahme seines Lebens, sollte zeigen, wie er mit Giulia in der Nacht verschwindet.

Im trüben Morgenlicht des 2. November 1975 wird sein entstellter Körper auf dem vagen Gelände des Idroscalo von Ostia langsam sichtbar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.6.2001)

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