Atmende Wahnsinnsarien

31. Mai 2001, 19:04
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Monodramen von Schönberg und Sciarrino bei den Wiener Festwochen im Odeon

Wien - Ein kurzer Erregungsmoment auf eine halbe Stunde gedehnt: Die Erwartung. Unter diesem Titel hat sich die romantische Wahnsinnsarie gewissermaßen in die Moderne hinübergerettet. Schönberg sei Dank, Freud auch. Von allen Strukturkonventionen befreit, ist die "Arie" auch ein expressionistischer Akt des unbewussten Komponierens, bei der eine brennende Innenwelt zum Formgeber, zum Musikdramaturgen wird.

Die taumelnde Seele der Er- wartung trägt im Odeon einen knallig roten Lackmantel, irrt durch einen dunklen Raum voller Sitzgelegenheiten. Eine Hotellobby, ein mit Kulissen gefülltes, verwaistes Filmstudio? Möglich. Kurz aufleuchtende Weihnachtsbäume jedenfalls auch dabei; dazu Gestalten mit Tiermasken und durch über den Kopf gestreifte Strümpfe gesichtslos wirkende Männer. Sie hängen in den Fauteuils und lehnen an den Schultern der Dame.

Ihr wird eine Pistole weggenommen, oder man zielt mit einer auf sie. Schnickschnack. Szenische Beilage, die nichts Sinnvolles zur szenischen Substanz beiträgt. In der Inszenierung von Niels-Peter Rudolph ist sie eher eine unproduktive Ablenkung vom Seelenporträt, das Raili Viljakainen einigermaßen facettenreich zeichnet. Etwas verloren wirkt sie allerdings in diesem großen Raum, nicht sehr wortdeutlich; das führt Schönbergs Interpretinnen eben in vokale Grenzbereich.

Der Eindruck von verpuffender Intensität ist aber ein Problem des Raumes. Auch daran ersichtlich, dass sich der Gesang nicht am Orchesterklang aufrichten kann. Das Ensemble 20. Jahrhundert unter Peter Burwik agiert farbenreich, aber vom Seitenflügel des Odeon aus, und ist damit zu weit entfernt, um Unmittelbarkeit zu erlangen.

Die Wortmelodie

Gottlob, es existiert so etwas wie Verstärkung. Sie erlangt bei Salvatore Sciarrinos Monodram Lohengrin gestalterische Kraft, indem sie Instrumentalklang und vokale Welt zur Verschmelzung bringt. Wunderbar leicht wirkt hier die Melodie des zumeist gesprochenen Wortes - immer wieder aber durchbrochen von erweiterten Stimmmöglichkeiten. Viljakainen darf dann klingen, als hätte sie Schluckauf und hat Arien des Atmens und des Gurrens.

Doch nichts ist hier Selbstzweck. Alles Ausdruck. Die Stimmgesten kommunizieren delikat mit den flirrenden, krabbelnden Mikrobewegungen des Orchesterklangs. Hier hat die Regie die Energie mehr auf eine Mädchenseele ausgerichtet. Auf den trivialen Einsatz eines Bewegungschors hat sie dennoch nicht verzichtet. Eine Selbstschädigung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 6. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

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