"Deine Welt sind die Berge!"

31. Mai 2001, 18:06
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Im Zürcher Strauhof gedenkt man einer fiktiven Nationalheldin: "Heidi 01"

Zürich - Dass die Karriere von "das Heidi", jener neben Wilhelm Tell zweiten literarischen Schweizer Nationalheldin schon zu Lebzeiten ihrer Schöpferin Johanna Spyri eine Weltkarriere nicht nur als alpiner Mythos machte, sondern heute auch als in über 50 Sprachen verkaufter, 15-mal verfilmter und zwölfmal unter anderem auch als Porno "adapierter" Bestseller gilt, braucht nicht extra erwähnt zu werden.

Und auch die Geschichte vom armen, über den kategorischen Zusatz des sächlichen Artikels vom Joch der Sexualität befreiten Waisenkind "das Heidi", vom Alm-Öhi, der Clara und dem Geissenpeter, von Heimweh nach den Bergen (Natur!) und dem Trennungsschmerz in Frankfurt (Entfremdung!), von der Reinheit der hochgebirgigen Seele (unter Einbeziehung in der Entfremdung erlernter zivilisatorischer Techniken wie dem Beten) und dem Happyend darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Vor gesunder Kraft strotzende Körperlichkeit

All dies und warum gerade die heile Welt der "naturbelassenen" Alpen, die vor gesunder Kraft strotzende Körperlichkeit seiner BewohnerInnen wieder boomen und damit wohl auch einer Trauer über den Verlust von Ursprünglichkeit und Unschuld Ausdruck verleihen - es ist nun im Vorfeld von Johanna Spyris 100. Todestag am 9. Juli in einer Ausstellung im Zürcher Strauhof zu begutachten.

Der im günstigsten Fall an der Schweizer Seele und dem Heimatroman Interessierte kann sich hier ein Bild davon machen, wie derartige Mythen zu kulturellen Selbstläufern werden können, die heute im Schweizer Heidiland touristisch ebenso schamlos vermarktet werden wie Österreich zumindest reale Sisis oder Wolferls vorschiebt. Neben Heidi-Haute-Couture von Moschino, diversen Filminstallationen und einer begehbaren Heidi-Schneekugel erweist sich in der für eine derartige nationale Größe sagenhaft kleinen Ausstellung aber vor allem eines interessant.

Karrieren einer Figur

Im Reader Heidi. Karrieren einer Figur (Offizin Verlag, Zürich) werden nicht nur diverse psychologische Erklärungsmodelle geliefert. Am bemerkenswertesten erweist sich ein Forschungsfeld, das in Japan zu finden ist: "An Tetto: Guten Tag. Wir möchten beide wieder die Schweiz besuchen, nicht wahr? Wiesen, die sich vor unseren Augen ausbreiten, blauer Himmel und grandiose Berge. Dort auf dem Walkman die Heidi-CD hören . . . das ist ein Zustand höchsten Glücks."

Was hier eine gewisse Tatsuno auf einer der zahlreichen Heidi-Seiten im Internet mitteilt, ist Teil einer gesellschaftlich in breiten Schichten greifenden japanischen Subkultur. Diese vor allem von Frauen getragene Kultur bezieht sich auf die Trickfilmserie Heidi, das Mädchen aus den Alpen aus 1974. Diese Serie sorgt in seitdem endlos wiederholten 52 Folgen dafür, dass sich aus der daraus abgeleiteten "Kawaii-Kultur" längst ein Industriezweig entwickelt hat. "Kawaii" bedeutet "niedlich, süß, herzig" und feiert das immer währende Fest der Kindlichkeit - mit dem japanische Frauen nicht nur mit Kleinmädchen-Look, inklusive bei Heidi abgehorchter Fiepsstimme, den rigiden gesellschaftlichen Anforderungen an sie bis weit in ihre Dreißigerjahre hinein entkommen wollen.

Die dazu gehörigen Handy- Plüschtiere, Schlüsselanhänger, rosa oder hellblau gehaltenen Laptops, Tamagotchis und Manga-Hefte belegen allerdings auch, dass ein im Volksmund entwickelter Slang, der Kawaii-Talk, wirtschaftlich gerechtfertigt werden kann. Er ist schön blöd.

JapanerInnen, die die "Originalschauplätze" von Heidi besucht haben, beklagen übrigens, dass die Realität im Gegensatz zur Trickfilmreihe zu künstlich aussehen würde. Es ist eine seltsame und wunderschöne Welt.(Christian Schachinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.6.2001)

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