Wenn sogar Wünsche Luxus sind

31. Mai 2001, 17:32
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Armut in Österreich: Mit wenig Geld um Normalität kämpfen

Wien - Wenn Frau G. einen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt, dann wird das keine Shopping-Tour à la carte, sondern eine generalstabsmäßig geplante Tour de force. Genau einmal pro Monat geht sie "zum Hofer" - mit exakt 1800 Schilling in der Geldbörse. Damit muss sie einen Großeinkauf für ihre fünfköpfige Familie - Ehemann und drei Kinder - bestreiten. Mehr lässt das Familienbudget nicht zu. Frau G. muss den Alltag einer Familie organisieren, die monatlich nur 15.000 Schilling zur Verfügung hat. Im Amtsjargon ist sie - wie 340.000 Österreicher - "akut von Armut bedroht".

Selbstverständliches wird für sie zur unüberwindlichen Hürde. Kleinigkeiten wachsen sich zu mittleren Katastrophen aus. "Wenn das Auto kaputt ist, dann kippt alles um." Oder die Waschmaschine von Frau G. streikt: "Dann wasch’ ich die Wäsche halt mit der Hand. Es gibt vieles, wo kein Mensch sieht, wie es läuft."

"Es erschwert den Alltag, es erschwert alles"

Viele "Arme" entwickeln solche Umgehungsstrategien, die nach außen hin den Schein wahren. Scham ist immer im Spiel. Was der Umgebung aber Normalität vortäuscht, erfordert von den Betroffenen enorme Anstrengung: "Es erschwert die Arbeit, es erschwert den Alltag, es erschwert alles", schildert Frau G. den täglichen Kampf.

Die Prioritäten sind aber klar: "Schulsachen und Lebensmittel stehen ganz oben", sagt sie. Die Kinder haben Jeans, "halt nicht von Levi’s, sondern secondhand, Turnschuhe, aber nicht die von Adidas und putzen tu ich mit Essig", sagt Frau G.

Wenn das Geld wieder einmal nicht gereicht hat, dann "haben wir uns bei Gas und Strom Aufschub gegeben". Will heißen, die Rechnung wurde auf den nächsten Monat verschoben. In der Hoffnung, bis dorthin die doppelte Stromrechnung durch "Doppelarbeit" angespart zu haben. Bügeln, Putzen für andere. Aus der Doppelbelastung Familie und Beruf wurde eine Dreifachbelastung. Irgendwann stand dem Stapel mit den offenen Zahlscheinen ein Berg an Schulden gegenüber. Haus weg, Schulden nicht ganz, aber einen Teil. Und so nebenbei ist die Ehe auch noch den Bach runtergegangen. Wünsche für sie? Verbucht unter Luxusartikel. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.6.2001)

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