Eschede-Opfer : Familien verklagen Bahn auf Schmerzensgeld

31. Mai 2001, 17:20
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In Musterklage mindestens 1,76 Millionen Schilling pro Person gefordert

Berlin - Drei Jahre nach der ICE-Katastrophe von Eschede haben Hinterbliebene der 101 Todesopfer die Deutsche Bahn AG (DB) auf Schmerzensgeld von mindestens 1,76 Mill. S(127.823 Euro) pro Person verklagt. Beim Landgericht Berlin reichten sechs Hinterbliebene eine Musterklage ein, die sich auch gegen Bahnchef Roland Heinisch richtet, wie Rechtsanwalt Reiner Geulen in Berlin mitteilte. Die Bahn wies die Vorwürfe zurück und erwartet nach eigenen Angaben eine Abweisung der Klagen.

Der Rechtsanwalt, der nach eigenen Angaben 66 Hinterbliebene von über 50 Opfern vertritt, reichte die Klage am Mittwoch beim Landgericht Berlin ein. Sie stützt sich laut Geulen auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Lüneburg, bei der man auch Strafanzeige gegen Heinisch und Ex-Bahnchef Heinrich Dürr erhoben habe.

Bahn hat an die meisten Hinterbliebenen kein Schmerzensgeld gezahlt

Die Bahn hat Geulen zufolge bisher an die meisten Hinterbliebenen kein Schmerzensgeld gezahlt. Lediglich den nächsten Familienangehörigen sei nach dem Unfall ein freiwilliger Betrag von 30.000 Mark (15.339 Euro/211.066 S) überwiesen worden.

Die Deutsche Bahn AG bezeichnete die Forderungen in einer Erklärung als "nicht nachvollziehbar". Bahnchef Harmut Mehdorn warf Geulen vor, die Entschädigungsfrage "zur Medienschlacht ausarten" zu lassen und Bahnvorstände "mit ungeheuerlichen Behauptungen zu diskreditieren".

Der ICE Wilhelm Conrad Röntgen war am 3. Juni 1998 wegen eines gebrochenen Radreifens auf der Fahrt von München nach Hamburg bei Tempo 200 entgleist und gegen eine Brücke geprallt. Dabei wurden 101 Menschen getötet und 100 weitere verletzt. Geulen begründete die Forderungen der Hinterbliebenen in einer Erklärung damit, dass der Tod ihrer Angehörigen durch "systematische schwere Versäumnisse der Bahn verschuldet" worden sei.

Der DB sei das erhebliche Bruchrisiko bei Verwendung von Radreifen bei Hochgeschwindigkeiten von Anfang an bekannt gewesen, betonte Geulen. Die Radreifen seien weder für den Hochgeschwindigkeitsbetrieb entwickelt noch vor der Einführung im Jahre 1992 für diesen Betrieb erprobt worden. Der Bahnvorstand habe sich laut einer internen Vorlage wegen des "kommerziellen Erfolges des ICE" ohne Erprobungsphase für die Einführung der Räder entschieden. Anschließend habe es keine wirksamen Kontrollen der Belastung und des Verschleißes der gummigefederten Räder gegeben. Die Risse und Brüche in dem Radreifen, dessen Bersten den Unfall auslöste, seien bereits ein halbes Jahr vor dem Unfall sichtbar gewesen.

Es bestünden keine Verdachtsmomente gegen aktuelle oder ehemalige Bahnchefs

Die DB betonte dem gegenüber, dass die Staatsanwaltschaft wegen des technischen Defekts gegen zwei Ingenieure der Bahn und zwei weitere Ingenieure der Herstellerfirma ermittle. Es bestünden keine Verdachtsmomente gegen aktuelle oder ehemalige Bahnchefs, gegen sie seien deshalb auch keine Verfahren eingeleitet worden.

Einer der Kläger hat bei dem Unfall seine Frau und seine beiden vier und acht Jahre alten Kinder verloren. Der Mann ist laut Geulen seitdem selbstmordgefährdet und dauerhaft arbeitsunfähig.

Geulen drohte damit, im Laufe des Jahres auch noch in den USA zu klagen, falls die Bahn zu keiner gütlichen Einigung mit den Hinterbliebenen bereit sei. Die US-amerikanische Niederlassung von ThyssenKrupp, deren Gesellschaften maßgeblich an der Entwicklung und Produktion der Radreifen beteiligt gewesen waren, ermöglichten den Deutschen eine Klage in den USA, sagte Geulen. (APA/AP)

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