Des "Economist" neues Kleid

31. Mai 2001, 19:30
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Interview mit Economist-Chefredakteur Emmott über die Hintergründe des Faceliftings

Der britische "Economist" ist das große angelsächsische Nachrichtenmagazin - geworden: Nachdem die Konkurrenten auf der Insel schwach geblieben und die amerikanischen Time und Newsweek in Richtung Infotainment abgewandert sind, hat das 1843 gegründete Wochenmagazin eine unverwechselbare Position errungen. Es gilt als das letzte große Blatt, das prinzipientreu am Vorrang der internationalen Nachrichten festhält, an deren trockener und sachlicher Gewichtung und an einer extrem nüchternen Form (und an einer gemäßigt konservativen Grundhaltung: Freihandel ist die heilige Kuh im Betrieb).

Bisher ist The Economist mit seiner Sonderstellung gut gefahren, die Auflage hat sich in den letzten 40 Jahren auf 760.000 verzehnfacht, das Anzeigenaufkommen stimmt.

Seit Mitte Mai aber ist sogar in diese Bastion des konservativen Habitus ein neuer Geist eingezogen. The Economist hat ein Facelifting bekommen, er erscheint ab sofort in einer sanft angepassten Form, von der die Herausgeber hoffen, dass sie nach wenigen Monaten den Lesern so vorkommen wird, als hätte das Magazin nie anders ausgesehen.

Das war auch eine der Vorgaben an den deutschen Designer und Typografen Erik Spiekermann (Ex-Meta Design, jetzt Iconmedia Lab), der den Auftrag gegen insgesamt sieben andere Anbieter errang. Michael Freund sprach mit Economist-Chefredakteur Bill Emmott über die Hintergründe des Relaunch.

DER STANDARD: Seit wann wird über die Änderung nachgedacht?

Bill Emmott: Seit fünf Jahren. Seit damals wollte ich Farbe einführen und Leute anziehen, die durch unser graues Auftreten eher abgehalten werden. Wir können mit Worten gut komplizierte Themen erklären, aber nicht mit unserem Design und unseren Bildern. Außerdem ist die Farbtechnologie heute so schnell wie Schwarz-Weiß, wir verlieren also auch nicht mehr unsere Aktualität.

DER STANDARD: Was gab es noch für Faktoren bei Ihrer Entscheidung?

Bill Emmott: Vor fünf Jahren wollten alle unsere Leser - außer in Asien - keine Farbe. Jetzt ist sie ihnen recht, sogar im Economist.

DER STANDARD: Hat das Blatt immer gleich ausgesehen?

Bill Emmott: Keineswegs. Erst 1987 wurde eine neue Typografie eingeführt, "Ecotype", 1994 änderte ich das Cover und einiges am Layout.

DER STANDARD: Warum haben Sie sich beim Redesign für Erik Spiekermann entschieden?

Bill Emmott: Es ging uns um ein gutes Verständnis der Typografie, des Magazins selbst und seines Zwecks, um eine internationale Perspektive und um die Fähigkeit, auch das "Branding"-Redesign unseres ganzen Unternehmens zu handhaben. Erik Spiekermann passte da genau hinein. Ich mochte die Subtilität seiner Arbeit und den Minimalismus seines Zugangs.

DER STANDARD: Was war unverrückbar, worüber konnte man diskutieren?

Bill Emmott: Die Positionierung des Economist, sein Inhalt, waren unverrückbar. Sonst gab es keine Tabus. (DER STANDARD/Rondo, Print-Ausgabe, 1. Juni 2001)

The Economist, economist.com, 60 Schilling, Auflage: 130.000 in Großbritannien, 300.000 in den USA, 85.000 in Kontinentaleuropa, davon 3700 in Österreich.
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