Die "perverseste Auswahl, an die man sich erinnern kann" oder "faszinierend"?

31. Mai 2001, 23:19
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Turner Preis: Anwärter bekannt gegeben

London - Alljährlich ist rund um die Verleihung des britischen Turner-Preises Gerede um tatsächliche wie vorgebliche Skandale schon liebe Gewohnheit.

Dass die mit 20.000 Pfund (etwa 450.000 S) spektakulär hohe Dotation in der Vergangenheit unter anderem für Fotos masturbierender Männer, zerwühlte Betten und Bilder aus Elefanten-Kot vergeben wurde, freut aus unterschiedlichen Motiven alle Beteiligten.

Und wie lauteten die Kommentare für die heurige Auswahl? Wenig überraschend: Der "Daily Telegraph bewertete sie als die "perverseste, an die man sich erinnern kann". Der "Guardian" dagegen fand die Werke "interessant" und "faszinierend".

Nominiert ist unter anderem der britische Künstler Martin Creed (32), der vor allem durch sein "Work#88" bekannt geworden ist: ein zu einer Papierkugel zusammengeknülltes DIN A 4-Papier. Nach Angaben der Jury vom Donnerstag beweist er damit "außergewöhnliches Talent".

Tate-Kurator Simon Wilson erläuterte, die Papierkugel wolle den Betrachter anregen, über das tägliche Leben nachzudenken. Er warf die Frage auf: "Wie oft haben wir nicht schon gedankenlos ein Blatt Papier zusammengeknüllt und in den Abfall geworfen?" Tate-Direktor Sir Nicholas Serota sagte, Creed "zeigt uns, was wir normalerweise nicht sehen". Eine der Papierkugeln ist bereits für umgerechnet über 40.000 Schilling verkauft worden. Creed hat nun eine ganze Serie begonnen. 150 Kugeln hatte er bereits vor einiger Zeit an Galerien verschickt.

Gerne wird von Zeitungen berichtet, dass einigen Adressaten die Bedeutung der Kunstwerke als "neuer Ansatz im abstrakten Kontext des Skulpturobjektes" (Ausstellungsführer) entging, so dass sie im Papierkorb landeten. Creed versicherte am Donnerstag in einem Gespräch mit der "Times", die Kugeln seien gar nicht einfach herzustellen: "Probieren Sie es mal!"

Ebenfalls im Rennen um den Turner-Preis sind Richard Billingham (30), der bevorzugt seine Arbeiterfamilie vor sozialem Wohnungsbau fotografiert, und der Filmemacher Isaac Julien (40), der sich bei der Motivsuche auf "schwule Maskulinität, Schwarze und Sex" konzentriert. Vierter Kandidat ist Mike Nelson; er arrangiert "gefundene Objekte" - Müll von der Straße. Objets trouvés - wie skandalös! (APA/dpa/red)

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