Über Boliviens Präsident kreist der Kondor

31. Mai 2001, 12:44
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Verbrechen zu Diktaturzeiten holen Banzer ein

Montevideo - Boliviens Staatspräsident Hugo Banzer steht im Verdacht, den südamerikanischen Militärdiktaturen bei der länderübergreifenden Verfolgung politischer Gegner zu Zeiten der südamerikanischen Militärdiktaturen (Operation Kondor) geholfen zu haben.

Wie Menschenrechtler herausgefunden haben, wurden Frau und Tochter des uruguayischen Rebellenkämpfers Enrique Joaquin Lucas nach seiner Entführung am 17. September 1976 durch bolivianische Sicherheitskräfte an Argentinien ausgeliefert.

Bolivianische Gruppen ließen jetzt verlauten, dass es sich bei den kürzlich auf dem Zentralfriedhof von La Paz aufgefundenen Gebeinen um die sterblichen Überreste von Lucas handelt. Der Stadtguerillero war am 17. September 1976 von den bolivianischen Sicherheitskräften verschleppt worden.

Die Militärs deportierten Lucas Frau, die argentinische Staatsbürgerin Rutila Artes, und Tochter Carla nach Argentinien, wo sie der bolivianischen Vereinigung der Angehörigen Verschwundener und Märtyrer der Nationalen Befreiung (OSOFAMD) zufolge in ein geheimes Folterzentrum überstellt wurden.

Der argentinischen Hilfsorganisation 'Großmütter der Plaza de Mayo' gelang es später, Carla zu finden. Das Kind war von einer den Militärs nahestehenden Pflegefamilie aufgezogen worden. Im August 1985 gelangte das Mädchen in die Obhut ihrer Großmutter Matilde Artes.

Banzer droht Anzeige

Carla, die heute mit ihrer Großmutter in Spanien lebt, hatte sich im Dezember an das bolivianische Parlament gewandt und Banzer für den Tod ihrer Eltern verantwortlich gemacht. Die junge Frau behält sich nach eigenen Angaben vor, den bolivianischen Präsidenten bei dem spanischen Richter Baltazar Garzon anzuzeigen, der rechtlich gegen Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet vorgeht.

Die Identifizierung von Lucas und das Schicksal seiner Familie legten nahe, dass Banzer in die Operation Kondor verwickelt gewesen sei, erklärte am Dienstag (29. Mai) Alberto Hein von der Vereinigung der Mütter und Angehörigen festgenommener und verschwundener Uruguayer.

Die Operation Kondor war 1975 vom chilenischen Pinochet-Regime (1973-1990) ins Leben gerufen worden. Im letzten Jahr veröffentlichte CIA-Unterlagen legen nahe, dass die Hexenjagd auf politische Widersacher von den USA geduldet wurde.

Auf den Fall Lucas sind Uruguays Bürgeraktivisten nach einem Besuch Heins in der bolivianischen Stadt Cochabamba gestoßen. Die bolivianische Verschwundenen-Organisation OSOFAMD will Hein zufolge erst noch mehr Material zusammentragen, bevor sie mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit tritt.

Auch die uruguayischen Menschenrechtler recherchieren weiter. Sie suchen Informationen über die Art und Weise, wie Lucas ums Leben kam. Bisher war immer die Rede davon gewesen, dass er bei gewaltsamen Zusammenstößen mit bolivianischen Sicherheitskräften getötet wurde.

Demgegenüber geht OSOFAMD davon aus, das Lucas Seite an Seite mit Pedro Silvetti, dem Sekretär des ehemaligen bolivianischen Staatspräsidenten, General Juan Jose Torres, noch am Tag seiner Festnahme erschossen wurde.

Zu Tode gefoltert

Der uruguayische Tupamaro-Kämpfer hatte sich dem bolivianischen Nationalen Befreiungsheer angeschlossen, das zusammen mit Torres das Regime Banzer zu Fall bringen wollte. Torres hatte das Land bis zur Absetzung im August 1971 ein Jahr lang mit Hilfe der Kommunisten regiert. Er wurde im Juni 1976 in Buenos Aires ermordet.

"Eine zweistündige Schießerei, bis Dich die letzte Kugel niederstreckte, bis sie Dich zu Tode folterten. Danach die Lüge der offiziellen Mitteilungen, wonach Du bei Kämpfen getötet wurdest", schreibt der Journalist und IPS-Korrespondent Kintto Lucas in einem Brief an den toten Bruder, der am Dienstag (29. Mai) in der uruguayischen Zeitung 'La Republica' veröffentlicht wurde.

Kintto Lucas zufolge traf sich der damalige bolivianische Innenminister General Pereda Azbun nach dem Verbrechen mit Militärs aus Uruguay, um sich über den Ausgang der Mission Kondor abzusprechen.

Uruguays Staatspräsident Jorge Battle hat im letzten Jahr eine Friedenskommission ins Leben gerufen, die das Verschwinden von 140 Landsleuten aufklären soll. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde die uruguayische Botschaft in Bolivien um Mitarbeit und Informationen über das Schicksal von Lucas gebeten.

Der Kommission gehören der Regierungsbeauftragte Carlos Ramela, der Anwalt Gonzalo Fernandez vom Linksparteienbündnis 'Encuentro Progresista-Frente Amplio' und der prominente Chef der Gewerkschaftszentrale PIT-CNT, Jose D'Elia, an. Weitere Mitglieder sind der Erzbischof von Montevideo, Nicolas Cotugno, der Priester Jorge Osorio und der Historiker Jose Claudio Williams.

Eine besondere Note erhält die mutmaßliche Verwicklung Banzers in die Operation Kondor vor dem Hintergrund von Untersuchungen der französischen Justiz. Richter Roger Le Loire, der im Fall der in Argentinien und Chile verschwundenen französischen Staatsbürger ermittelt, hat den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger als Zeugen geladen, der derzeit Paris einen Besuch abstattet.

Die Befragung des US-Politikers hatte der Anwalt der Anklage angefordert. Nach Angaben von William Bourdon besitzen die USA nähere Kenntnisse über die Bildung und die verdeckten Aktivitäten der Operation Kondor. Bourdon hatte den im letzten Jahr freigegebenen CIA-Geheimdienstunterlagen entnommen, dass der US- Geheimdienst über die Operation Kondor seit 1976 im Bilde war.

Kissinger für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich gemacht

Die argentinische Zeitung 'Pagina 12' trug Erklärungen des britischen Wissenschaftlers Christopher Hitchens zusammen, der Kissinger für Verbrechen gegen die Menschlichkeit "von Kambodscha bis nach Südamerika" verantwortlich macht. Kissinger war unter Richard Nixon (1969-1974) Sonderberater für Sicherheit und Außenpolitik und unter Gerald Ford (1974-1977) Außenminister.

Hitchens zufolge hätte Kissinger niemals den Friedensnobelpreis von 1973 erhalten dürfen, weil er am Sturz der chilenischen Regierung unter Salvador Allende (1970-1973) mitgewirkt und die Politik der südamerikanischen Regierungen mitgetragen habe.

Nach Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen sind in den 1970er und 1980er Jahren 30.000 Menschen in Argentinien und 1.200 in Chile verschwunden. Weitere 156 Bolivianer, 160 Paraguayer und 140 Uruguayer wurden im eigenen oder im Nachbarland verschleppt und ermordet. (IPS)

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