Freiheit und Kontrolle im weltweiten Datennetz

31. Mai 2001, 11:51
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Vortrag: Kritische Betrachtung der ICANN

Auf der Veranstaltung "Chaos Control - Soziale - technische - rechtliche Steuerung im Internet" die am 30. Mai im Wiener Juridicum stattfand, äußerte der Pressesprecher des weltbekannten "Chaos Computer Club" (CCC) Bedenken gegenüber der Unabhängigkeit des Gremiums, das weltweit für die Verwaltung der Internetseiten zuständig ist. Nicht der Vorstand, der Präsident oder die eingesetzten Arbeitsgruppen bestimmten die Vorgangsweise der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), sondern deren Anwälte. Außerdem "hängt die Organisation an der Hundeleine der US-Regierung", so Müller-Draghun, "jeder Schritt muss vom Ministerium noch mal bewilligt werden."

"Eigenständige Entwicklung der Regionen ist vorbei"

Im Internet wären unterschiedliche Kulturkreise miteinander verbunden, die unterschiedliche nationale Befindlichkeiten hätten. In Deutschland gäbe es z.B. ein besondere Sensibilität gegen rechtsradikale Inhalte im Netz. Diese eigenständige Entwicklung der Regionen sei aber wohl vorbei, sie funktioniere nicht mehr. Dagegen sei ein globales Bewusstsein der Werte im Entstehen. Als Beispiel nannte er die so genannte Netiquette, oder die weltweit verpönten Kinderpornos.

Im Internet ist alles anders

Skeptisch äußerte sich Müller-Draghun auch zu der Problematik von geistigem Eigentum im Internet. Die bisherigen Rechtsnormen können seiner Meinung nach nicht einfach auf das Netz übertragen werden, "beim 'Diebstahl' im Netz werden Dokumente ja nur vervielfältigt, aber dem Besitzer nicht wirklich 'weggenommen'". Das gelte auch für die umstrittene Gratis-Musik (Napster, etc.) im Cyberspace. Die Kampagne "copy kills music" käme wohl eher von der Plastikindustrie, die die CD s herstellen (bei der Herstellung von CD s fallen etwa 70 Prozent des Ausschuss an. Anm.) meinte er scherzhaft. Mit "Open Source" könnten unbekannte Künstler bekannt werden, und wenn jeder für ein Lied im Netz, das ihm gefallen habe, nur einen geringen Betrag zahlen würde, würden die Künstler wahrscheinlich sogar mehr verdienen.

Macht statt Stabilität

ICANN solle die 'Stabilität' des Internet sichern, sie wolle aber auch ihre Machtposition mit Hilfe der Domainvergaben weiter ausbauen. Das Gremium versuche, das Internet zu kontrollieren, werde aber ihrerseits von den USA kontrolliert, sagte Müller-Draghun. Es gebe aber eine gewisse "Legitimitätssimulation", die den anderen Nationen die Illusion vermittle, im Gremium mitreden zu dürfen. Müller-Draghun spielt damit auf die Tatsache an, dass fünf Präsidiumsmitgliedern im Internet weltweit von allen gewählt werden können. Den normalen Internetuser gäbe es in der ICANN-Struktur aber noch nicht, so Müller-Draghun weiter. (Von Michael Wieser/APA)

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