"Lehre nicht von Forschung lösen"

30. Mai 2001, 23:06
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Philosoph Jürgen Mittelstraß plädiert für ein neues Ethos der Wissenschafter

Wien - "Mit den Neuerungen bei Unirecht, Dienstrecht und Studiengebühren", sagt Jürgen Mittelstraß, Philosoph an der Universität Konstanz, "hat man sich vielleicht ein bisschen viel auf einmal zugemutet." Und meint damit die Studiengebühren.

Als Mitglied des österreichischen Universitätenkuratoriums findet Mittelstraß die Reformen aber grundsätzlich positiv und - mutig. "Wie Österreich bisher im Personalbereich strukturiert ist, war das eher leistungshindernd, eine besonders aparte Form der Provinzialität!" Starre, durchgehende Karrieren vom Doktoranden zum Professor am selben Ort und Institut etwa stellten "eine großartige Chance für das Mittelmaß" dar.

Die Gefahr liegt für den Wissenschaftstheoretiker in der dadurch fehlgeleiteten Selbstkonzeption der Universität. "Wenn sich die Lehre von der Forschung löst, drohen die Unis zu Ausbildungsstätten der üblichen Art zu werden." Mittelstraß fordert dagegen, "die alten Humboldt-Formeln wie die Einheit von Forschung und Lehre unter modernen Bedingungen" umzusetzen. Das erfordere aber auch ein neues "Ethos der Wissenschafter", die nicht "mit ihrem weißen Kittel um 17 Uhr ihre Lebensform an den Nagel hängen". Wissenschaft als Lebensform? "Ja, wie in englischen Colleges oder den exzellenten US-amerikanischen Universitäten", schwärmt Mittelstraß, "da geht's nicht ums Wissen-Abholen, sondern ums Leben mit und in der Institution."

Eine hierzulande junge Institution - die Fachhochschulen - liegt in Deutschland im Konkurrenzkampf mit den Universitäten. In Österreich sieht Mittelstraß das Verhältnis nicht so belastet. "Man könnte diese frühe Phase nützen, um ein differenziertes Ausbildungssystem aufzubauen." Ein Versicherungsmathematiker könnte etwa zunächst die Theorie an der Universität, das praktische Training danach in der Fachhochschule absolvieren.

Das neue Universitätsrecht mit der künftig größeren Distanz zum Staat beurteilt der Wissenschaftstheoretiker positiv. "Man könnte mit der gewonnenen Freiheit wuchern, intern Gewichte verschieben und sich dann mit neuem Selbstbewusstsein um Drittmittel bemühen." Und wie verhindert man, dass bei allzu großer Nähe zu boomenden Branchen die Geldgeber bald die hehre Lehre bestimmen? "Es besteht die Gefahr", warnt Mittelstraß, "dass die Universitäten dabei ihr Wesen als Stätten der Grundlagenforschung verlieren. Sie müssen daher einen Sicherheitsabstand zu reiner Verwertungsforschung wahren." (DER STANDARD, Print-Ausgabe 31. 5. 2001)

Von Roland Schönbauer

Jürgen Mittelstraß referiert am 1.6. beim Symposium "Risikokapital Bildung" an der Universität Wien. Großer Festsaal, ab 15.30 Uhr.
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