Vom Aufeinandertreffen dreier Zeitmaße

30. Mai 2001, 20:56
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Der Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour versucht, den Kosmos zu sortieren

Ein Problem der gegenwärtigen hochentwickelten Gesellschaften besteht darin, dass sie nach einer Präimplantationsdiagnostik für Ideen suchen: Das Wissen um die biologische Bestimmung der Menschen ist noch embryonal, es müssen aber jetzt schon Entscheidungen getroffen werden, die das künftige Wachstum der Biowissenschaften (und ihrer Gegenstände) entscheidend bestimmen werden. Folgt man dem Wissenschaftsphilosophen Bruno Latour, so leiden die modernen Gesellschaften noch heute unter den Leistungen der alten Griechen: Die haben "eine Erfindung zu viel gemacht, entweder Geometrie oder Demokratie. Doch es gehört zur historischen Kontingenz, dass wir diesen unmöglichen politischen Körper geerbt haben".

Diese Erbschaft zeigt sich zum Beispiel in Konstellationen wie in Deutschland, wo der Bundeskanzler bei den Biowissenschaften zuerst an befürchtete Standortnachteile denkt (und die angelsächsischen Länder bereits in das Gelobte Land einziehen sieht), während der Bundespräsident unter dem Beifall der Feuilletons eine Rede hält, in der unverrückbare ethische Kategorien beschworen werden. Kein noch so sorgfältig zusammengestellter Ethik-Beirat kann die fundamentale Differenz aufheben, die darin besteht, dass in den Biowissenschaften drei Zeitmaße aufeinander treffen, die unähnlicher nicht sein könnten: Natur, Wirtschaft und Politik haben jeweils ihre eigene Dynamik. Die Evolution mit ihren Natur gewordenen Erfahrungsspeichern erzeugt Ressourcen für die ebenfalls darwinistisch begreifbare Wirtschaft, während mit der Politik das schwächste Glied in diesem Zusammenhang auf seine Letztzuständigkeit pochen muss. Es fehlt nicht an Theorien, die in dieser Situation bereits eine Diktatur der Biopolitik ausnehmen wollen, in der die Faktizität der wirtschaftlichen Interessen sich ihre gesellschaftliche Gestalt schaffen wird. Seltener sind Überlegungen, in denen der atemberaubende Vermittlungsprozess, dem die hoch industrialisierten Gesellschaften derzeit unterliegen, auf seine Grundlagen hin untersucht wird.

Bedingungen zentral behandelt

Bruno Latour, der Fachbezeichnung nach ein Soziologe in Paris, nach eigener Definition ein Erforscher der Wissenschaften, hat in zwei Büchern genau dies versucht: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie und vor allem das im Vorjahr erschienene Hauptwerk Die Hoffnung der Pandora sind Entwürfe zu einer Theorie der Politik, in der Stammzellen und Genom-Sequenzen nur am Rande vorkommen, aber die Bedingungen ihrer Erforschung zentral verhandelt werden. Es geht darum, den "Kosmos" zu sortieren, eine Lebenswelt, an der das Sichtbare nur einen Teil ausmacht. Latour nähert sich seiner Fragestellung vom Rande her. Er beginnt mit einer Expedition in das Amazonasgebiet, wo brasilianische und französische Wissenschafter einen kleinen Streifen Land untersuchen, eine Linie, entlang derer die Savanne in den Urwald übergeht.

Die Forscher ziehen über dieses Land eine imaginäre Struktur, sie führen ein Register ein und entnehmen nach einem bestimmten Muster Bodenproben, die dann in einem "Pedokomparator" gesammelt und vergleichbar gemacht werden. Am Ende steht ein Diagramm, dem zu entnehmen ist, wie sich die Bodenbeschaffenheit zwischen Urwald und Savanne nicht genau entlang der Vegetationsgrenze verändert, sondern mit einer Verschiebung von ungefähr zwanzig Metern. "Wenn ich den Expeditionsbericht lese", schreibt Latour, "halte ich den Urwald von Boa Vista in meinen Händen, es spricht ein Text wahrhaftig von der Welt."

Damit ist er mitten in den biowissenschaftlichen Debatten, in denen die Metapher des Textes ganz zentral ist, in denen das Beispiel der Savannen-Grenze in Brasilien jedoch nicht vernachlässigt werden sollte. Obwohl es sich bei dieser Untersuchung um ein eher randständiges Gebiet der Botanik handelt, sind die Parallelen zur Kartographierung des Erbmaterials nicht zu übersehen, und obwohl es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die Regenwürmer entscheidend zu den Besonderheiten des Savannen-Bodens beitragen, ist der genaue Ablauf der Veränderungen erst noch zu erforschen. Hier geht Latour einen Schritt zurück und zugleich auf eine allgemeinere Ebene: Er will die herkömmliche Auffassung von der Kluft zwischen Welt und Sprache aufbrechen (die in den Biowissenschaften gerade wieder zurückkehrt). Nicht länger sollen sprechende Menschen und stumme Dingwelt gegeneinander stehen, sondern es sollen vielmehr "Propositionen" zueinander in Beziehung gesetzt werden. Diese "Vorschläge" müssen nicht alle von Menschen stammen, und sie müssen nicht alle dem Bereich der Wissenschaft entstammen: Im Gegenteil wäre in Latours Perspektive eine entschlüsselte und auf ihre Wirkweisen hin aufgeklärte Gensequenz gleichzusetzen mit Craig Venters fotografischer Selbstinszenierung als Herrscher über die Computer und mit einem feuilletonistischen Coup wie dem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die einen Teil des entzifferten Genoms als futuristischen literarischen Text präsentierte. Das "Unmögliche" an der demokratischen Verfahrensweise mit all diesen "Propositionen" besteht darin, dass es keine Flucht in eine Expertenherrschaft oder einen ethischen Fundamentalismus geben kann: "Die definitive Demarkationslinie, an der Geschichte aufhörte und Natur-Ontologie die Führung übernahm, ist verschwunden."

Das Bild vom Sand am Meer

Niemand vermag in diesem Prozess mehr einen archimedischen Punkt auszumachen, von dem aus sich das menschliche Erbmaterial beispielsweise als eine Substanz denken ließe, mit der die Wesen hinreichend bestimmt sind, und so wie Foucault das Bild vom Sand am Meer für die menschliche Subjektivität verwendet hat, so verwendet Latour das Bild von Urwald und Savanne für die Grenze zwischen Natur und Kultur. Es zeugt von den Anstrengungen, die intellektuell noch zu leisten sein werden, wenn Latour zuletzt erst recht wieder nur ein Bild findet, von dem aus die herrschende Vernunft ihre Kritik erfährt: die Agora, der Versammlungsort der Griechen, auf dem auch bestimmt wurde, wer eine Stimme hat. Latour spricht hier von einem Parlament der Dinge und von einer Situation der "Hybriden", der sich die Politik stellen muss, will sie nicht das Kollektiv an die Interessen von Gruppen verraten. Das ist utopisch gedacht, aber es klingt darin noch der entscheidende Satz des jüdischen Ethikers Emmanuel Lévinas an: "Ich möchte sagen, dass ein wirklich menschliches Leben kein zufriedenes Leben bleiben kann in der Gleichheit mit dem Sein, im Leben der Ruhe, sondern dass es bei dem Anderen aufwacht, das heißt immer dabei ist, sich zu ernüchtern, dass das Sein - im Gegensatz dazu, was viele beruhigende Traditionen sagen - niemals seine eigene Daseinsberechtigung darstellt." Für die Politik gilt in gleichem Maß, was Richard Lewontin, maßgeblicher Kritiker des gegenwärtigen Biologismus, über die Wissenschaft geschrieben hat: Sie ist "eine soziale Aktivität, betrieben von einer bemerkenswerten, aber keineswegs allmächtigen Spezies". (DER STANDARD, Print-Ausgabe 31. 5. 2001)

Der Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour versucht, den Kosmos zu sortieren, und trifft damit ins Zentrum der Biotechnologie-Debatte.

Von Bert Rebhandl
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