Die Welt als Basen-Lesekasten: Über fröhlichen Genjournalismus

30. Mai 2001, 20:51
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"Vermutlich wird man in naher Zukunft über seine Gendatenbank so sprechen wie über das Textcorpus von Goethe oder Shakespeare"

"Vermutlich wird man in naher Zukunft über seine Gendatenbank so sprechen wie über das Textcorpus von Goethe oder Shakespeare", meinte der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher über Craig Venter. Dieser durfte auch - viel früher als das zwischenstaatliche Human Genome Project - immer wieder die Presseerklärungen seines Privatbetriebes im Blatt der Unternehmer abdrucken, im Feuilleton.

Aber stimmt der Vergleich mit der Literatur? Der menschliche Körper besteht aus etwa hundert Billionen Zellen. Das Genom ist via Computertechnik entschlüsselt, Variationsketten von vier Buchstaben, A - C - G - T. Das klingt wie im Lesekasten. Alle haben Lesen gelernt. Doch können deshalb wirklich alle Shakespeare lesen?

Auch bei Naturwissenschaftern fällt auf, wie ein komplexer Text auf einen einfachen, mechanistischen reduziert wird. Es läuft hinaus auf den simplen Aussagesatz: Wir haben das genetische Alphabet geknackt und damit das "Rätsel Mensch" gelöst. Kein Fragesatz: "Viele Gene, die mit einer Krankheit in Verbindung gebracht werden, sind bereits identifiziert" (John D. McPherson vom Human Genome Project). Stimmt das?

Es schneidet jedenfalls sofort alle ethischen Erwägungen ab: Denn wer wäre nicht dafür, Krankheiten zu heilen? So stellen die hochfinanzierten Naturwissenschafter sofort jeden Philosophen ins unmoralische Abseits.

Aber: Die Gentechnik-Diskussion bewegt sich großteils auf der Ebene der Menschen-Hardware - "Tausche Gene gegen Krankheit, repariere die Maschine". Kennen wir das nicht? Baut nicht schon längst die Medizin auf Maschinendenken auf?

Deshalb ist im Gendiskurs ja auch so viel von Krebs die Rede - das pränatale Ausmerzen von Genen als Verhinderung der prämortalen Strahlentherapie. Viel weniger aber ist die Rede von Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt. Menschliches Verhalten ist, so suggeriert der Diskurs, ohnehin nur mechanisch, von oben her, zu ändern, durch "simplen" Austausch von Genen.

Melancholie-Verbot

So ahnt Frank Schirrmacher, dass Europa weiterhin an seiner "Software" verzweifeln wird: "Kant, Schopenhauer, Nietzsche sind auch nur fehlerhafte Versionsnummern des Selbstbewusstseins." Was indirekt in den vielen euphorischen Feuilletontexten zur Gentechnologie solchermaßen massiv wiederkehrt, ist das Melancholie-Verbot, mit dem jeder utopische und autoritäre Staat seine Bürger belegt: "Europa soll nicht nur die Software von Ich-Krisen und Ich-Verlusten, von Verzweiflung und abendländischer Melancholie liefern" (Schirrmacher im neuen Band Die Darwin AG).

Aber aus solchen Melancholien, aus dem Widerstand der Subjekte gegen das allgemein verordne- te Fröhlichsein entstanden Kunst und Technik. Auch deshalb hat Shakespeare nichts mit Gentechnik zu tun, denn für diese zählt das allgemeine Muster, nicht das Subjekt.

Und, wie Jürgen Habermas zu den ethischen Problemen der Gentechnik anmerkte: Subjekte bilden sich in Auseinandersetzung mit ihren Mängeln heraus, über Herausforderungen, bewältigte Verzweiflungen, Krisen. Die Genforschung hingegen reduziert "Leben" auf biologisches Funktionieren und bringt immer das massivste Beispiel: Krebs. Wer möchte widersprechen? Niemand. Wer ist dieser "Niemand"?

"Ich", würde Lessing, wie in seiner Auseinandersetzung mit dem Pastor Goethe, sagen: Hätten der bucklige Lichtenberg, der narbenübersäte Kant oder Habermas mit seiner Hasenscharte die pränatale Diagnostik überlebt? Oder Trakl mit seiner schon in der Kindheit ausgeprägten Melancholie? (DER STANDARD, Print-Ausgabe 31. 5. 2001)

Von Richard Reichensperger
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