Beweis auf der Besteckgabel

30. Mai 2001, 20:42
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Nicht nur die Polizei - auch Väter und Chefs versuchen sich als Gen-Sherlock-Holmes

Heimlich ließ der Sparkassenvorstand die vom verdächtigen Personalratsmitglied benutzte Küchengabel sicher stellen. Das Beweismittel wurde in ein Genanalyse-Labor getragen. Dort brachte es ein Vergleich der Speichelspuren an den Tag: Das Besteck und die Briefumschläge, in denen zuvor verleumderische Briefe an das Unternehmen gelangten, waren von der selben Person angeschleckt worden. Es folgten: Entlassung und Prozess.

Urteil: Eine Kündigung darf sich nicht auf einen rechtswidrig gewonnenen genetischen Fingerabdruck stützen. Diese Entscheidung des baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshofs zeigte deutschen Arbeitgebern im Februar, dass die informationelle Selbstbestimmung ihrer Mitarbeiter auch in Zeiten des genetischen Fingerabdrucks noch Vorrang vor Unternehmensinteressen hat.

Wenn es aber um Staatsinteressen wie zum Beispiel die Verhütung und Verfolgung von Straftaten geht, herrscht in Europa ein ganz anderer Geist: Nach dem Vor- bild Großbritanniens erlauben mittlerweile die meisten Länder den genetischen Fingerabdruck als Beweismittel im Strafprozess. Ein riesiger Fortschritt für die Kriminalistik, finden sich doch am Tatort von Verbrechen oft Haare, Speichel, Sperma oder Schweiß. Aus all diesen Spuren lässt sich das Genprofil ihres "Eigentümers" ablesen.

In Österreich existiert seit 1997 eine Gendatenbank für Straftäter. Bisher konnten mit deren Hilfe 834 Verdächtige ermittelt werden, sagt das Bundesinnenministerium. Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung von Straftätern wurden über 35.000 Mundhöhlenabstriche gemacht. Die aus ihnen gewonnenen genetischen Fingerabdrücke werden mit den Spuren neuer Taten abgeglichen, um damit Wiederholungstäter zu entlarven. In der zentralen Datenbank beim Institut für gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck lagern zudem die Genanalysen von 7327 Spuren aus 5121 Fällen und warten auf verdächtige Speichelspender.

Mit der Abnahme des genetischen Fingerabdrucks geht der österreichische Staat übrigens vergleichsweise locker um. Wo zum Beispiel in Deutschland der Beschluss eines Gerichts notwendig ist - das diesen ausführlich im Einzelfall begründen muss, wie das Bundesverfassungsgericht erst im April wieder betonte -, genügt nach dem österreichischen Sicherheitspolizeigesetz die Entscheidung eines Polizeibeamten. "Diese Regelung wurde gegen unseren Widerstand eingeführt", betont die Vorsitzende der Richtervereinigung, Barbara Helige.

Vaterschaftstest

Von einer anderen, in Deutschland neuerdings gängigen Praxis hat sie hierzulande allerdings noch nichts gehört: Väter, die bezweifeln, dass sie wirklich Väter sind, nehmen ihren Kindern Speichelproben ab und bringen diese in eines der vielen privaten Genlabors, die - auch im Internet - ihre Dienste für Vaterschaftstests anbieten. Stellt sich heraus, dass "Vater" und "Kind" genetisch nichts miteinander zu tun haben, geht es vors Gericht.

Dort weisen die Richter die Vaterschaftsklagen nicht etwa ab, sondern ordnen nur noch einmal ein offizielles Gutachten an. "Das ist auch in Österreich so denkbar", meint dazu Barbara Helige. Voraussetzung sei aber, dass der Vater bei der Speichelabnahme keinen Zwang angewandt habe. "Jedenfalls ist das ein interessanter Ansatz", so die Richterin. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 31. 5. 2001)

Auf der Jagd nach Straftätern sucht die Polizei schon länger nach genetischen Fingerabdrücken. Nun versuchen sich aber auch Väter und Chefs als Gen-Sherlock-Holmes.

Von Jörg Wojahn
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