Authentisches aus dem Leben der Parias

30. Mai 2001, 20:22
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Eine Unberührbare erzählt

Viramma; Josiane Racine und Jean-Luc Racine
Eine Unberührbare erzählt. Ein Leben am Rande des indischen Kastensystems
öS 350,- (EURO 25,44)/376 Seiten

Verlag Frederking & Thaler München 2001

Offiziell gibt es die Unberührbarkeit nicht mehr in Indien, sie wurde mit der Verfassung von 1950 abgeschafft. Viele Exunberührbare, wie sie oft in der Literatur genannt werden, bezeichnen sich selbst als Dalits ("Gebrochene Menschen"), ein Begriff, der für die anhaltende Unterdrückung, aber auch den Widerstand dagegen steht. Andere aber, wie die Südinderin Viramma, Landarbeiterin, Hebamme, Sängerin und begnadete Geschichtenerzählerin, halten an den alten Wörtern Unberührbare und Paria fest, was deren Verwendung im Buch erklärt.

Das Werk zählt zu den ganz ganz wenigen in einer wachsenden Literatur über die Dalits, in denen eine Betroffene selbst ausführlich selbst zu Wort kommt. Mehr als zehn Jahre lang haben die selbst aus Südindien gebürtige Ethnologin Josiane Racine und ihr französischer Mann Jean-Luc, ein Sozialwissenschafter, Viramma zugehört.

Es hat wohl mit dem Hintergrund des Ehepaars Racine zu tun, dass Beschreibungen von Riten und Bräuchen sowie der Rolle von Göttern und Geistern eine prominente Rolle in Virammas Geschichten spielen. Voller Humor und ohne Scheu vor derben Worten zeichnet die heutige Großmutter ein detailreiches Bild vom Treiben im Ceri, dem Ortsteil für die Unberührbaren. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, wenn auch mit weitaus weniger Gewalt, als Dalits anderswo zu gewärtigen haben.

Von der Politik hält sich Viramma weitgehend fern. Und sie beobachtet mit Skepsis so manche Reformen. Gut, dass das Ceri Fließwasser und eine gepflasterte Straße bekommt, aber sollen ihr Sohn und seine Freunde sich wirklich auflehnen gegen eine Gesellschaftsordnung, die Viramma bei aller Kritik doch als gottgegeben ansehen will? Das Buch will keine Antwort bieten, es lässt Viramma einfach erzählen.
Brigitte Voykowitsch - DERSTANDARD, Print-Ausgabe vom 31.05. 2001

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