Countdown in Indonesien

30. Mai 2001, 20:04
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Indonesiens erster demokratisch gewählter Präsident wird kaum mehr als eineinhalb Jahre regiert haben: Mit der Entscheidung, die Anhörung über eine Absetzung von Abdurrahman Wahid zu beginnen, haben die Parlamentarier im viertgrößten Staat der Welt eine Maschinerie in Gang gesetzt, die nur noch ein Rücktritt des umstrittenen Präsidenten aufhält, das Land aber andernfalls an den Rand des Bürgerkriegs bringt.

Die Krise hat einen schlichten Grund: Der gesundheitlich kaum amtsfähige Wahid, dessen Partei nur ein Dutzend Abgeordnete zählt, ist im Juni 1999 zum Staatschef gewählt worden, weil eine Mehrheit der Parlamentarier keine Frau an der Spitze eines muslimischen Landes wollte, und erst recht nicht diese - Megawati Sukarnoputri, Vorsitzende der größten Partei und Tochter des Staatsgründers Sukarno, der vom späteren Diktator Suharto gestürzt wurde. Eine solche Revanche mochten weder das alte Establishment noch die Armee hinnehmen. Doch ihre Ansicht haben sie längst geändert.

Denn die Krise in Indonesien geht viel tiefer: Asiens Wirtschaftskrise 1998 hat eine drei Jahrzehnte währende Diktatur weggespült, an deren Erbe die 212 Millionen Einwohner immer noch schwer tragen. So lässt die jahrelang betriebene Zwangsumsiedlung den Hass zwischen Indigenen und Neuankömmlingen aufbrechen, Separatisten haben überall auf dem Archipel Konjunktur, Suhartos Clan zieht weiter seine Fäden. Indonesiens Armee versucht in dieser Situation einen beachtlichen Schwenk. Sie will ihren Ruf als Schützerin der nationalen Einheit wiederherstellen und sucht die Nähe der Demokraten um Megawati. Sollte Wahid den Notstand ausrufen, um seiner Amtsenthebung zu entgehen, wollen ihm die Armeegeneräle nicht folgen. (DER STANDARD, Print, 31.5.2001)

Markus Bernath
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