Osama Bin Laden, islamistischer Terrorchef

30. Mai 2001, 20:01
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Die Berufung, Amerikaner zu töten

Fünf Millionen Dollar, das ist das höchste Kopfgeld, das das FBI jemals auf ein Individuum ausgesetzt hat, einem "Helden" wie Osama Bin Laden angemessen. Ein Held war er zumindest einst für den Westen, keiner störte sich an der radikal-islamistischen Ausrichtung der "Freiheitskämpfer", die mit CIA-Training und -Unterstützung in den Achtzigerjahren in Afghanistan gegen die Sowjets eingesetzt wurden. Heute ist er der meistgesuchte Terrorist der Welt, mehr oder weniger alle Anschläge auf US-Einrichtungen in den letzten Jahren werden mit ihm und seiner Organisation "Qa'ida" (Basis), deren Strukturen man nur sehr ungenau kennt, in Verbindung gebracht.

In Saudi-Arabien war der 1955 (andere Quellen: 1957) als einer von Dutzenden Söhnen eines aus Jemen stammenden Bauunternehmers und einer Palästinenserin Geborene schon früh als extrem aufgefallen, selbst die Religionspolizei "Mutawwa" lehnte seine Bewerbung ab, weil er den regimekritischen Muslimbrüdern zu nahe stand. Osama trat in die Baufirma seines Vaters ein, auch nach Afghanistan ging er - im Auftrag des saudischen Geheimdienstes -, um zu bauen: Nachschubwege, Tunnelanlagen und Festungen für die Mudjahedin. Bald profilierte er sich aber auch als Kämpfer, am Schluss soll er 20.000 Soldaten unter sich gehabt haben.

Die Sowjets waren vertrieben, als Osama nach Saudi-Arabien zurückkehrte, wo er, der zuerst Ehre und Aufträge für seine Familie einheimste, sich bald als Belastung erwies: Als König Fahd vor dem Golfkrieg 1990 US-Truppen in das Land der Heiligen Islamischen Stätten ließ, kam es zum Bruch. 1994 wurde ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. Bevor Osama das Land verließ, erhielt er jedoch seinen rechtmäßigen Anteil des Familienvermögens, geschätzte 300 Millionen Dollar, die er weltweit investierte und vermehrte und die ihm heute die Finanzierung seiner Berufung - Amerikaner zu töten, wo er sie erwischt - erlauben.

Es folgte die sudanesische Zeit: Geschäfte, eine Farm, Ausbildungslager für im Süden eingesetzte Guerilla. Zu den drei bereits vorhandenen Ehefrauen kam eine vierte: eine Nichte des damaligen sudanesischen Regime-Ideologen Hassan al-Tourabi (der inzwischen in Ungnade und inhaftiert ist).

1996, das Jahr, in dem er ein Attentat überlebte, wies ihn die Regierung in Khartoum aus: Osama kehrte mit Familie - Kinderzahl unbekannt - nach Afghanistan zurück. Von dort soll er seitdem die Fäden des internationalen islamistischen Terrorismus ziehen. Seine Verwicklung in die Attentate in Nairobi und Daressalam, für die am Dienstag vier seiner mutmaßlichen Mitkämpfer verurteilt wurden, hat er nie bestätigt, aber auch nicht dementiert. Sie sind ja auch nichts, wofür er sich schämen würde. (DER STANDARD, Print, 31.5.2001)

Gudrun Harrer
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