Alles über Kindermonster

30. Mai 2001, 19:33
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Schwarze Pädagogik: "Struwwelpeter", ein Mutant der Tiger Lillies

Phelim McDermott und Julian Crouch mutierten den strengen "Struwwelpeter" in eine grell-komische "Junk Opera". Bis Mitte Juni gastieren sie mit den Tiger Lillies als Gäste der Festwochen im Wiener Etablissement Ronacher.


Mit dem Struwwelpeter gab der deutsche Arzt Heinrich Hoffmann vor 160 Jahren der Schwarzen Pädagogik einen netten literarischen Knüppel an die Hand. Keine langen Ermahnungen, hieß das Rezept, sondern drastisch abschrecken. So verhungert der Suppenkaspar ohne Gnade, so läuft Hans Guckindieluft schnurstracks in sein Wellengrab, so geht das Mädchen, das mit dem Feuer spielt, lichterloh in Flammen auf.

Es ist sicherlich die englische Begabung in der europäischen Kultur, die als erste entdecken musste, dass man einem derartigen Kinderbuch nur noch eins draufsetzen muss, um es zur Horrorshow zu machen. Das erledigten anno 1997 eine Gruppe begeisterter Theatermacher und die schrägen Tiger Lillies um Falsettsänger Martyn Jacques in West Yorkshire. Seitdem tingeln sie mit ihrem Shockheaded Peter erfolgreich um die Welt, jetzt, nach dreieinhalb Jahren, sind sie bei den Wiener Festwochen gelandet, die Musik ihrer "Junk Opera" gibt es längst auf CD, und bald folgt schließlich der Film.

Foto: APA/Gavin Evans /WFW
"Miau, Mio, Miau Mio! Paulinchen brennet lichterloh!!" - Ganz so didaktisch wie weiland Herr Heinrich Hoffmann nähern sich die britischen Tiger Lillies der Jugend jedoch nicht.

Ein Heidenspaß über dem Abgrund der realen Familientragödie der Gegenwart, wie sie sich dank der Boulevardzeitungen medial vielfach bezeugt. Der freche Hase, der dem schlafenden Jäger das Gewehr stiehlt und so bei Hoffmann den Spieß einmal umdreht, er läuft in der englischen Fassung regelrecht Amok. Zuerst erschießt er den Jäger, dann dessen Frau, dann das eigene Hasenkind, dann sich selbst. Eine eisige Konsequenz hat sie, die kleine Marionette dieses Hasen im Fensterchen über der Guckkastenbühne, aber nicht nur sie, sondern die ganze Produktion.

Ein Mittelding zwischen einem übergroßen Adventkalender und einer mickrigen Schaubude ist der bilderbuchartige Spielplatz. In viktorianischer Tuchfülle erging sich die Kostümwerkstatt. Julian Bleach verleiht als groß gewachsener Erzähler in der kleinen Welt dem Ganzen auch noch einen Anflug von Globe Theatre. Er beharrt, sich ständig bückend und die Kindermonster wie Stallhühner umherscheuchend, auf seiner schauspielerischen Sendung und auf der Botschaft des hintergründigen Bühnenulks: Ein jeder halte unter dem Boden des eigenen Wohnzimmers Nachschau. Dort, unter dem Boden ihres Wohnzimmers, haben Struwwelpeters Eltern verstaut, was der Storch ihnen gebracht hat. Dass seine Haare und Nägel weiterwachsen, beweist nicht zwingend, dass er noch lebt.

Die Botschaft des Ulks

Und doch, ohne die von Martyn Jacques geschaffenen und gesungenen Lieder wäre es in der geradezu tänzerischen Verzögerung der Zeit, in den zahllosen einfühlsamen Details der Inszenierung (Phelim McDermott und Julian Crouch) nur ein sehr gekonntes, sich sehr auf bewährte Effekte stützendes Theater. Sich selbst mit der Ziehharmonika begleitend, von Adrian Huge und Adrian Stout an Schlagzeug und Kontrabass unterstützt, erzeugt Martyn Jacques' eigenwillig schwebender Ton die Atmosphäre, in der sich erst das Groteske als alltäglich und damit der Alltag als grotesk entlarvt:

Zappelphilipp reißt im Sturz nicht nur das Tischtuch mit allem Geschirr in die Tiefe. Er wird, am Boden liegend, von Gabeln und Messern auch noch zigfach durchbohrt. Sodass wohl jeder versteht, dass die Eltern sich allmählich missmutig fragen: "Wie kann man unter solchen Umständen normal dinieren?"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2001)

Von
Michael Cerha

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