Ein Gentleman und die Denkmalpflege

30. Mai 2001, 19:39
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Krystian Zimerman im Wiener Musikverein

Wien - Man sagt, dass humanoide Wesen existieren sollen, die mit dem Vorurteil behaftet seien, der Besuch klassischer Konzerte berge gemeinhin ein nicht unerhebliches Fadisierungspotenzial in sich. Auf diesen Vorwurf recken wir fiktiverweise das knöcherne Zeigefingerchen eines Konzertkritikers und lassen sein dünnes Stimmchen schneidend geifern: "Die klassische Musik ist die Krönung kulturellen Schaffens! Einzig, groß und wunderbar - immer wieder aufs Neue!"

Nun begab es sich also, dass der sensible, gentlemanhafte Krystian Zimerman sich anschickte, den Musikverein zu bespielen. Und er tat es in souveräner Manier: Perfekte Phrasierungskunst war nebst dem Gespür für sensibelste agogische Gestaltung festzustellen; perfekt ausbalanciertes Harmoniespiel wechselte mit brillanten Laufkaskaden, Furor mit fluoreszierender Klangzauberei. Und: Es war vom ersten bis zum letzten Ton langweilig. Zimerman spielt klassische Musik so, wie man sie nie spielen darf: klassisch. Also: museal, denkmalpflegerisch.

Sei es bei den den Sechs Klavierstücken op. 118 von Brahms oder der As-Dur Sonate op. 110 von Beethoven: Zimermans Zugriff war immer ein samtbehandschuhter, föhnfrisierter; jedes auch noch so wilde Fortissimo blieb schaumgebremst, die hauchzarten Klangmirakel gerieten zu selbstverliebtem Geplätscher. Nichts kratzte an der blankpolierten Oberfläche, alles wohlgestaltet, wohltemperiert und - das Schlimmste überhaupt: vorherhörbar und letzten Endes nur Pose.

Am liebsten mochte man Zimermans Darbietung einrahmen lassen, in Gold, und in der Konditorei Oberlaa aufhängen lassen - als zuckersüße Beigabe zu Melange und Sachertorte. Die oben erwähnten humanoiden Wesen, sie haben mitunter also Recht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2001)

Von
Stefan Ender

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